Utrecht – Herz von Holland

Die Universitätsstadt liegt so ziemlich im Zentrum der Niederlande. Sie ist Geburtsort eines Papstes und wird von einem mächtigen Dom beherrscht. Grachten und knuffige Gassen laden ein zum Schlendern. In Utrecht wird Shopping groß geschrieben, Gemütlichkeit und Lebensart sind fester Bestandteil in dieser behaglichen Stadt. Auch Kunst und Kultur werden sehr gepflegt. Dabei ist Utrecht sehr gut per Bahn und Auto zu erreichen.

Eine Stadt mit Geschichte

Schon die alten Römer haben die günstige Lage zwischen mehreren Flüssen erkannt und hier gesiedelt. Bis heute ist Utrecht ein Knotenpunkt für die Bahnverbindungen innerhalb der Niederlande. Im frühen Mittelalter hat der heilige Willibrord hier eine Mission gegründet, Religion spielt bis zum in unsere Tage eine gewichtige Rolle im Bewusstsein der Bevölkerung. Nicht zuletzt deshalb, weil der gewaltige Dom das Stadtbild beherrscht. Er ist Orientierungs- und Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen. Man sollte sich die Zeit nehmen, die vielen Stufen des Turms zu erklimmen, um von dort einen sagenhaften Blick über die Stadt zu erhalten. Auch unterirdisch hat der Dom einiges zu bieten: Die verschiedenen historischen Schichten der Siedlungen kann man mit kundiger Führung entdecken und erhält so Einblick in die bewegte Geschichte der Stadt. Auch eine Papst erblickte hier das Licht der Welt: Hadrian VI. wurde in Utrecht 1459 geboren und machte in Rom große Karriere. Im Paushuize, um die Ecke vom Dom, kann man sich die Geschichte dieses bedeutenden Würdenträgers erklären lassen. Utrecht war durch seine Kaufleute eine reiche Stadt geworden, davon künden viele Kirchen und Denkmäler. Das Selbstbewusstsein der Utrecht zeigt sich auch in Unabhängigkeitsstreben: Erst sagte sich die Stadt los vom Erzbistum Köln, dann von der spanischen Herrschaft. Europäische Geschichte wurde hier geschrieben – diverse Friedensschlüsse von historischer Bedeutung tragen den Namen Utrecht.

Utrecht in einem Bild

Wie unter einem Brennglas lässt sich die Historie der Stadt im Hotel Karel V erleben. Das Fünfsterne-Haus besteht aus Gebäuden unterschiedlicher Epochen, die liebevoll restauriert wurden und Geschichte erlebbar machen. Ursprünglich war es ein Kloster, das der Deutsche Orden im 14. Jahrhundert gründete. Auf dem weitläufigen Gelände ist das „Duitse Huize“ heute noch zu besichtigen. Der Weltherrscher Karl der Fünfte bezog hier Quartier im Jahre 1543, um dem Orden seinen Respekt zu erweisen. Ein anderer Eroberer übernahm die Gebäude 1807: Napoleon machte daraus ein Militärhospital. Bei den Renovierungsarbeiten Anfang der Neunziger des vorigen Jahrhunderts entdeckten Archäologen sogar römische Fundamente. Diese sind heute integriert in einen Flügel des Hotels, der auch die großzügige Wellness-Anlage beherbergt. Ob man nun hier selbst übernachten und die fabelhafte Gastronomie des Hotels genießen möchte oder nur auf den Spuren der Geschichte wandelt – ein Besuch lohnt sich immer.

Kulinarik rustikal bis erlesen

Auf meiner gastronomischen Erkundung lande ich erst mal für den kleinen Hunger bei Stegeman an der Korte Minrebroederstraat 11, ganz zentral gelegen. Das relativ neue Diner wartet mit leckeren Sandwiches in angenehmer Atmosphäre auf. Susanne, die ich hier treffe, schwärmt von den frischen Zutaten und leckeren Backwaren, die tatsächlich einen herrlichen Lunch ergeben. Dann kommt Edwin dazu. Der gelernte Historiker nimmt mich mit auf einen Rundgang durch die Stadt und zeigt mir die Sehenswürdigkeiten. Die herrlichen Grachten mit ihren einzigartigen Werften, direkt an Wasser, wo kleine Restaurants und Geschäfte zum Verweilen einladen, geben der Stadt das besondere Flair. Im Café Olivier, das früher eine Kirche war, staune ich über die imposante Orgel und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Wir besuchen dann einen kleinen Kräuterladen, wo es auch allerhand Süßigkeiten gibt, die auf der Zunge zergehen. Im Museumsviertel, das hinter dem Hotel Karel V beginnt, haben die Kaufleute in früheren Zeiten gewohnt. Der Wohlstand zeigt sich heute noch, die prachtvollen Häuser sind liebevoll in Stand gehalten.

Dom bei Nacht

Abends gehe ich in das Stadskastell Oudaen an der Oudegracht 99, wo mir Ireen die hauseigene Mikrobrauerei zeigt und ein deftiges Menü kredenzt. Ja, die Leute hier wissen zu leben. Das Essen schmeckt vorzüglich, und so gestärkt begebe ich ein wenig auf die „Piste“. Die Szene in Utrecht ist übersichtlich, zwei Läden sind besonders zu erwähnen: Das Café Kalff an der Oudegracht 47 ist eher ruhig und geeignet für Paare, die den Abend beschaulich begehen möchten. Schräg gegenüber liegt das Bodytalk von Feibe Zweers. Der ist dienstältester Betreiber von einer Gay Bar in den Niederlanden, wie ich höre. Seit fast dreißig Jahren ist Feibe im Nachtleben von Utrecht eine Institution. Das Besondere am Bodytalk: Hier gibt es keine Trennung von Schwulen und Lesben beim abendlichen Vergnügen. Gemeinsam und in Harmonie wird in der gemütlichen Bar bis in die Morgenstunden gefeiert und getanzt. Berührungsängste gibt es keine. Schwulsein ist in Utrecht völlig integriert in das gesellschaftliche Leben, es herrscht eine sehr entspannte Atmosphäre. Am heutigen Abend ist „Student’s Night“, der Laden ist knackevoll.

Expressionismus und Handtaschen

Am nächsten Tag gehe ich zu Jan Juffermans in seine Galerie an der Lange Jansstraat 10, um etwas über die Kunstszene von Utrecht zu erfahren. Jans Vater war schon im Kunstgeschäft und hat mit den Großen seiner Zeit gearbeitet. Jan handelt auf den bedeutenden Messen der Welt und blickt auf reiche Erfahrung zurück. Er stellt gerade Jeroen Hermkens aus, der sich auf malerische Stadtansichten von europäischen Metropolen spezialisiert hat. Der Einfluss des deutschen Expressionismus ist unverkennbar in seinen Werken. Jeroen bekennt sich besonders zu seiner Heimatstadt Utrecht, wobei er moderne Entwicklungen und historische Ansichten gleichermaßen berücksichtigt. Die farbenfrohen Gemälde im Großformat strahlen Zuversicht und Lebensfreude aus. Er ist ein Künstler aus Utrecht, der auch international Anerkennung findet. Vor einem Bild mit Radfahrer erklärt mir Jeroen, dass die Stadt dem großen Event in 2015 entgegen fiebert: Die Tour de France wird hier Station machen. Jetzt mache ich mich auf den Weg zu Ferry Meewisse, der Taschen aller Art entwirft. Der sehr schlanke und hochgewachsene Designer hat seine Werkstatt etwas außerhalb des Stadtzentrums und begrüßt mich mit Tee zum Gespräch. Über Umwege ist er zu seinem neuen Konzept von Handtaschen gekommen. Ihn hat die Frage bewegt, wie Taschen besser gelagert werden können, wenn sie nicht in Gebrauch sind. Daher sind seine hochwertigen Lederbehältnisse auch faltbar – so geht wertvoller Stauraum nicht verloren.

Innenhof Hotel Karel V

Auch der Prozess der Herstellung steht bei ihm im Fokus. So sind Nähte nicht etwa verschämt versteckt, sondern im Gegenteil gut sichtbar und sogar kleine Fehlstellen markiert. Dies gibt den Taschen in allen Formaten und Nutzungen einen unverwechselbaren Ausdruck. Besonders Kunden in Japan haben den „Ferry-Touch“ in ihr Herz geschlossen. Abends bin ich im Restaurant Florent bei Thomas Haukes zu Gast. Der Designer hat mit seinem Partner Lamber van Dam am Visscherplein 75 einen edlen Gourmet-Tempel eröffnet, der sofort bei Kennern Anklang fand. Für die besondere Gestaltung der Räumlichkeiten zeichnet Thomas verantwortlich, während Lamber die exzellente Küche nach französischen  Vorbild führt. Frische Zutaten und kreative Rezepte in großer Vielfalt sind hier Selbstverständlichkeit.

Werften und Lichterwelten

Auch vom Wasser aus ist Utrecht sehr sehenswert. Auf einem der typischen Boote erkunde ich die Grachten und Flussläufe der Stadt. Die begehbaren Werften sind einzigartig in den Niederlanden. Sie liegen direkt unterhalb der Straßen am Wasser und beherbergen schnucklige Gaststätten, kleine Shops, sind Anziehungspunkt für Tag- und Nachtschwärmer. Bei strahlendem Sonnenschein wirkt Utrecht wie ein Gemälde aus vergangenen Zeiten. Das Plätschern entspannt die Städterseele, die historischen Fassaden laden zum Träumen ein. Danach schlendere ich über den Wochenend-Markt, wo Händler herrliche Blumen feil bieten. Natürlich Tulpen, aber auch hübsche Rosen, viele davon in Pink. Das Herz geht einem auf. Apropos Farben: Mit Einbruch der Dämmerung gehe ich mit Edwin auf eine Stadttour der besonderen Art: Trajectum Lumen heißt das Projekt, ist von vielen begabten Künstlern aus Utrecht ins Leben gerufen worden. Mit Lasertechnik und anderen Lichtinstallationen glänzt nun die Stadt auch bei Nacht in einem einmaligen Farbenmeer. So erhalten die Monumente und Sehenswürdigkeiten einen völlig neuen Aspekt, der Moderne und Historie harmonisch verbindet. Utrecht ist immer eine Reise wert! (rb)

Mehr Infos zu Utrecht:

www.visit-utrecht.com