Das erste Mal in Berlin

Unglaublich, aber wahr: Es gibt auch hierzulande Gays, die noch nie in Berlin waren. Wir haben jemanden gefunden, der zum ersten Mal ein paar Tage in Berlin verbrachte. Hier ein Erfahrungsbericht:

Endlich steht mein allererstes Wochenende in Berlin vor der Tür! Nach einer langen Arbeitswoche treffe ich am Freitagabend in der Hauptstadt ein. Nur wenige Minuten Fahrt mit der U-Bahn später lande ich – wie sollte es anderes sein – mitten im Gay-Viertel Schöneberg. Meine Unterkunft beziehe ich im „Bananas Guesthouse“ in der Geisbergstraße. Als ich dort ankomme, weiß ich gleich, das war die richtige Wahl. Gregor empfängt mich und führt mich durch die Räumlichkeiten, die wie eine große Schwulen-WG wirken. In der freundlich eingerichteten Gemeinschaftsküche gibt es genug Platz, unbegrenzt Tee und Kaffee für einen kleinen Unkostenbeitrag von 50 Cent und eine große Auswahl an Gay-Unterlagen. Es freut mich, auch die aktuelle Ausgabe von „Schwulissimo“ zu erblicken. Mein Zimmer ist geräumig und Bad sowie WC teile ich mit den anderen schwulen Bewohnern, was mich natürlich nicht stört. Und außerdem ist das Zimmer ziemlich günstig. Bald treffe ich in der Gemeinschaftsküche ein paar Typen und man kommt ins Gespräch. Auch mein Zimmernachbar kommt heraus und lädt mich gleich ganz direkt in sein Zimmer ein. Ich bin etwas überrascht und geschmeichelt, aber lehne vorerst mal ab. Immerhin habe ich diese Nacht noch viel vor…

© bluejayphoto

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Ich lese mir erstmals die verschiedenen Gay-Magazine über Berlin durch, um mir einen Überblick zu verschaffen, was an diesem Wochenende geboten wird. Die Auswahl scheint unendlich, sodass ich gar nicht richtig weiß, wo ich starten soll. Schließlich entscheide ich mich für die „Tom’s Bar“. Ein gute Wahl, denn dort eingetroffen habe das Gefühl, hier trifft sich das schwule Berlin und die Touristen dazu. Im Eingangsbereich gibt es eine gemütliche Bar mit günstigen Getränken, aber bereits weiter hinten bei den Rauchern mit XXX-Movies wird mir klar, dass hier nicht nur abgehängt wird. Etwa gegen Mitternacht wird dann die „magische Kellertür“ geöffnet und viele der Besucher ziehen ins Untergeschoß, wo anständig gecruist wird. Dort komme ich dann auch auf meine Kosten…

© narvikk

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Nach ein paar Desperados, netten Gesprächen und heißen Erlebnissen bin ich ziemlich gut drauf und möchte weiterziehen. Ich muss nicht weit gehen, denn gleich daneben gibt es unzählige Gay-(Cruising)-Bars. So lande ich unter anderem in der „Scheune“ (wo es mit etwas zu bärig ist), im chilligen „Dietrich‘s“ sowie in der „Reizbar“. Die Kellner weisen mich dort gleich darauf hin, dass ich mich am besten ganz nackt ausziehen soll oder mindestens das Oberteil weg muss. Ich gehorche und lasse mein T-Shirt an der Garderobe zurück. Drinnen bin ich dann mitten in der Action. Bald schon muss ich feststellen, dass es sich hier um eine Bareback-Party handelt. In meiner Naivität entging mir das, aber als ich ein Kondom herausnehme und der Typ neben mir den Kopf schüttelt, ist es mir endgültig klar. Spätestens jetzt weiß ich, in Berlin gibt es für Gays auf der Suche nach Cruising einfach alles, aber mein Ding sind Bareback-Partys nicht, denn auch im geilen Berlin sollten man nicht vergessen, dass sexuelle Krankheiten allgegenwärtig sind.

© golero

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Die erste Nacht in Berlin war ziemlich lang und deshalb komme ich am Samstag erst in den frühen Nachmittagsstunden aus den Federn. Nach einem etwas kitschigen, aber durchaus leckeren Brunch im „Sissi“ mache ich mich auf Shopping-Tour im Viertel, um die coolen Läden kennen zu lernen. Begeistert bin ich etwa von „Wagner Berlin“ mit den trendy Kapuzenjacken. Natürliche statte ich auch einigen XXX-Stores, wie etwa den Flagship-(Leder)-Stores von „Mister B“ und „RoB“ einen Besuch ab und stelle fest, dass man in Berlin Sex-Toys aller Art findet. Auch ich lege mir eine Kleinigkeit zu. Was, das bleibt jedoch mein Geheimnis… Ganz einen besonderen Service genießt man im „Gear Store“. Sofort fragt man mich, ob ich was trinken möchte und serviert mir einen Kaffee. So was würde man sich öfter wünschen. Natürlich gehe ich dann auch noch zum „Bruno‘s“ am Nollendorfplatz, wo ich mit der Fülle an Sportswear, Underwear, Büchern und Toys gar nicht weiß, wo ich beginnen soll. Um meinen Shopping-Nachmittag mit Stil abzuschließen, mache ich einen Abstecher ins KaDeWe, eines der größten Kaufhäuser Europas am nahegelegenen Wittenbergplatz. Mein Shopping-Budget für dieses Wochenende ist eigentlich schon erschöpft und daher begnüge ich mich mit Schauen. Besonders beeindruckt bin ich von der riesigen Food-Abteilung mit kulinarischen Köstlichkeiten aus der ganzen Welt, wo ich gleich zum Abendessen bleibe.

© tupungato

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Jetzt aber nichts wie zurück in meine Unterkunft zum Chillen. Wo soll ich meine allererste Samstagnacht in Berlin verbringen? Bei der angesagten „Propaganda Party“ im „Goya“ am Nollendorfplatz, in den zahlreichen Bars von Schöneberg oder doch im „lab.orartory“, einem Cruising-Lokal, von dem ich schon viel gehört habe? Da im „lab.orartory“ die „Athletes“, eine Sportswear-Party, auf dem Programm steht, ich auf heiße Boys in Sneakers abfahre und gerne mein neu gekauftes Sportoutfit anziehen möchte, entscheide ich mich fürs „Lab“. Ich muss mich beeilen, denn nach Mitternacht gibt es dort keinen Einlass mehr. Als ich dort ankomme – die Location befindet sich auf dem Gelände der renommierten Disko „Berghain“ – merkt der Türsteher sofort, dass ich das erste Mal hier bin. Anscheinend wirke ich so unbeholfen oder unschuldig, dass er meint, ich sei am falschen Ort und mich fragt, ob ich denn wüsste, was das hier ist. Als ich ihm dann die richtige Antwort gebe, darf auch ich Berlin-Neuling hinein. Ich würde von mir behaupten, ziemlich viele Cruising-Lokale zu kennen, aber das „Lab“ toppt schon irgendwie alles. Das riesige ehemalige Industriegelände ist eine perfekte Location, die Männer sind durchwegs gutaussehend, locker drauf und hemmungslos, wobei ich auch hier eine regelmäßige Verwendung von Kondomen vermisse, Cruising hin oder her. Was folgt, ist schlicht und ergreifend eine geile Nacht… Erst um 5:00 Uhr bin ich wieder zurück in meinem Zimmer.

© annedde

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Am Sonntag stelle ich dann fest, dass ich das erste Mal in Berlin bin und vor lauter Gay-Life und Männer abgesehen von der nahe gelegenen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche und dem Kurfürstendamm noch nicht viel von der Stadt gesehen habe. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, begebe ich mich am Nachmittag auf Sightseeing-Tour. Besonders viel Zeit bleibt nicht, aber immerhin kann ich das Brandenburger Tor bewundern, auf dem Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz eine herrliche Aussicht und einen guten Kaffee genießen und einen Blick auf den Berliner Dom und den Reichstag erhaschen. Aber ich weiß, da fehlt noch vieles. Dieses Wochenende habe ich jedoch leider keine Zeit mehr übrig, denn bald geht mein Zug nach Hause. Ganz im Berliner Stil nehme ich als Abschied noch eine Currywurst an einer Imbissbude zu mir.

© ViewApart

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Das Wochenende ist schon vorbei und ich hätte noch so viel vorgehabt. So etwa an die beliebte GMF-Sunday-Party am Alexanderplatz zu gehen, in der „Connection“ abzushaken und mich dann im Keller zu amüsieren, das Sauna-Treiben von Berlin und auch weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt zu entdecken. Irgendwie auch gut, dass ich das erste Mal nicht alles geschafft habe, denn so kann ich mich schon auf meinen nächsten Aufenthalt in der Hauptstadt freuen. Das erste Mal in Berlin war  ein totaler Höhepunkt. Wer es einmal getan hat, der möchte es immer wieder tun. Bis ganz bald, Berlin!