Antwerpen – Fashion, Rubens & Blingbling

Gemütlichkeit und Metropolen-Flair, das findet man in der belgischen Küstenstadt. Antwerpen blickt zurück auf eine bedeutende Geschichte als Handelsplatz, hat einen der größten Häfen Europas und verbindet kulturelle Attraktionen mit genießerischem Ambiente. Alles, was schön ist, gehört hierher: eine lebendige Modeszene, Diamanten in Hülle und Fülle und natürlich der überragende Sohn der Stadt – Peter Paul Rubens. Ein prima Ort für ein Wochenende und mehr.

Die Kamera zücke ich schon auf dem Weg zu meiner Bleibe. Der Bahnhof ist wirklich was Besonderes. Wie eine Kathedrale ragt er zum Himmel und gibt einen Vorgeschmack auf die kulturelle Vielfalt, die mich erwartet. Ein Riesenrad ist davor aufgebaut, das regen Zuspruch findet. Im Radisson gegenüber, das sich ebenfalls durch sein äußeres Design hervortut, habe ich diesen Blick und kann jeden Morgen durch die runden Fenster des Fitnessraums sehen, wie diese Stadt zum Leben erwacht. Jetzt erst mal die Umgebung erkunden. Im Hotelgebäude befindet sich das Aquatopia, mit vielen tausend Meeresbewohnern hinter Glas. Nebenan beginnt Chinatown. Ich bin nicht weit vom Diamantenviertel – hier reiht sich Laden an Laden mit glitzernden Auslagen. Überhaupt gibt es tolle Geschäfte in Antwerpen, das Personal ist zuvorkommend und die Preise sind moderat. Mein Ziel ist das Modemuseum, das eine Ausstellung zu Federn hat. Hier bin ich auch morgen verabredet, um mehr über die elegante Szene zu erfahren. Faszinierend und erstaunlich, was sich Modemacher alles einfallen lassen bei der Gestaltung mit den flauschigen Elementen. Umschmeichelnde Kreationen für den großen Auftritt am Abend, phantastische Ballkleider im Stile einer Marlene Dietrich. Der Bogen wird gespannt von der Aufbereitung des natürlichen Materials, über Färbetechniken und Formgebung bis hin zu glänzender Couture – im wahrsten Sinne des Wortes. Und dann die Schuhkunstwerke – extravagante Fußumschmeichler, die einem Freudentränen in die Augen treiben. In der Vergangenheit haben sich die Kuratoren auch anderen interessanten Themen gewidmet, wie der Farbe Schwarz als Ausdruck zeitloser Delikatesse. Im Grand Café Horta, benannt nach dem bekannten Jugendstil-Architekten, nehme ich noch eine angenehme Mahlzeit zu mir. Über mir wölben sich Stahlkonstruktionen der vorletzten Jahrhundertwende, die den Baumeister seinerzeit berühmt gemacht haben. Auch hier wieder das Motiv für Antwerpen: Alt und Neu in schöner Harmonie.

Die Pingus warten auf Futter

Avantgarde und Historie

Wie gelingt es, Tradition und Moderne in Einklang zu bringen? David Flamée von der Königlichen Akademie der Schönen Künste kann mir Hinweise geben. Die Abteilung für Mode, deren Sprecher er ist, hat einen ganz eigenen Ansatz. Um sich im kreativen Kraftdreieck zwischen Paris, London und Mailand zu behaupten, gehen die Antwerpener ganz eigene Wege in der Ausbildung. Integration und Individualismus sind die Schlüssel zum Erfolg: Die Studenten müssen eine schwere Aufnahmeprüfung bestehen, dann wird an Projekten gearbeitet. Das erfordert viel Selbstständigkeit und ist eine Vorbereitung auf die harte Branche. Wert legen die Professoren auf Integration des jeweiligen Hintergrunds der Studierenden, um diese Stärken kreativ zu nutzen. In einer offenen Kultur, wie sie die Belgier pflegen, können so besondere Talente heranreifen. Beispiel dafür ist die international berühmte Gruppe der „Antwerpener Sechs“, mit Star-Designern wie Walter van Beirendonk, Ann de Meulemeester und Dries van Noten, die um 1980 hier ihren Abschluss machten und der belgischen Modeindustrie mächtigen Auftrieb gaben. Es hat sich ein eigener Stil entwickelt, der diese Schule für Mode-Aspiranten in der ganzen Welt zum Anlaufspunkt machte. Auch bei Prominenten hat sich die Qualität der belgischen Mode herumgesprochen: Auch Politgrößen und Hollywoodstars tragen belgische Mode, die aus Antwerpen kommt.

Zehn Minuten entfernt liegt das Rubenshaus. Der Malerfürst hat hier repräsentativ gelebt und gearbeitet. Auch bei ihm hat sich eine Schule gebildet, denn sein Stil ist einzigartig. Ich bekomme Einblick in die häuslichen Umstände eines Mannes, der wie kaum ein anderer die bildende Kunst seiner Epoche geprägt hat und einen sehr abwechslungsreichen Weg im 17. Jahrhundert hatte. Rubens war zeitweise Diplomat auf europäischem Parkett und ging an den königlichen Höfen ein und aus. Wertvolle Gemälde und Skulpturen schmücken die Villa, ein schöner Park lädt zum Lustwandeln ein. Rubens ist ja bekannt für seine Darstellung üppiger Damen, die ganz dem damaligen Geschmack entsprachen. Allerdings gehören zu seinem Repertoire auch die feinsinnige Allegorie und das Charakterporträt.

Hier wandelte der große Rubens

Hinter den Kulissen der Diamanten

Ingrid van Camp hat die Branche von der Pike auf kennengelernt. Und das ist nicht ganz einfach, denn Männer beherrschen das Feld. In einer der sichersten Straßen Europas liegt ihr Geschäft L&A. Zig Kameras überwachen jeden Schritt, Poller können blitzschnell hochgefahren werden, damit bösen Buben nicht auf dumme Gedanken kommen. Kundig weist sie mich ein in die Qualitätskriterien für die Edelsteine. Diamanten haben seit jeher eine große Anziehungskraft auf Menschen. Unter hohem Druck aus Kohlenstoff entstanden, müssen die Rohlinge präzise geschliffen und poliert werden, um dann nach Güte in Klassen sortiert in den Handel zu gehen. Ein gutes Auge, gekonntes Handwerk und modernste Technologie kommen dabei zum Einsatz. Und Verschwiegenheit ist oberstes Gebot – die Branche setzt viel Geld um, ist international organisiert und bewahrt einen Kodex, der unsaubere Praktiken fernhält. Umso mehr freue ich mich, dass mir ein kleiner Einblick gewährt wird. Christine van Camp, die Schwester, nimmt mich mit auf eine Tour durch das Haus. Die Modelle für Diamantenschmuck werden heute mit CAD-Software erstellt und daraus fertigen 3D-Drucker die plastischen Vorlagen. Geschickte Hände schleifen und feilen dann aus Gold und Platin die Fassungen für die strahlenden Geschmeide.

Antwerpen ist der Hauptumschlagsplatz für die wertvollen Steine. Neben dem Bahnhof, nahe dem jüdischen Viertel, liegen die Shops. Hier findet der Edelsteinfreund alles, was das Herz begehrt. Jetzt knurrt mir ein wenig der Magen. Ich bin mit Sofie verabredet, die mir mehr zu Antwerpen sagen kann. Wir treffen uns im Bourla, da sind viele Einheimische, die es sich bei lokalen Gerichten gut gehen lassen. Die belgische Küche ist bekannt für durchaus kalorienhaltige Speisen, man merkt auch die Nähe zu Frankreich. Denn die Belgier zelebrieren das Essen, und der gesellige Charakter dieser Nation wird deutlich. Sofie nimmt mich mit auf eine Tour durch die historische Altstadt und die gemütlichen Gassen. Designerboutiquen und originelle Kneipen wechseln sich ab. Das Flair dieser Stadt ist eine Mischung aus mondän und relaxt. Häuser aus Renaissance, Barock und Moderne bilden ein feines Ensemble, das auf Weitsicht der Städteplaner schließen lässt. Im Hafen hat man noch viel vor: Hier entstanden und entstehen ganz neue Komplexe für Wohnen und Geselligkeit.

Mal was Besonderes für den Abend

Antwerpen ist eine Stadt, die in die Zukunft blickt. Einen Blick zurück gibt mir anschließend Dr. Nico van Hout im Rockoxhuis. Er hat eine Ausstellung kuratiert, die das Flandern des 17. Jahrhunderts darstellt. Fabelhafte Gemälde und Exponate machen mich zum Zeugen einer glänzenden Epoche der Stadt, an welche man gerne heute anknüpfen möchte. Wieder das Thema: Vergangenheit als Wegweiser für die Zukunft. Im Appelmans lasse ich die Eindrücke bei einem zünftigen Glas Gerstensaft Revue passieren. Übrigens: Das belgische Bier ist ein bissel stärker als bei uns.

Schuhkollektiv und Zoo-Philosoph

Weber, Hodel, Feder – diese Namen stehen für außergewöhnliche Schuhmode, made in Antwerpen. Ich treffe Florian Feder und Matthias Weber, die beiden Deutschen des Trios, in ihrem Designloft am sonnigen Vormittag. Florian kam über Matthias hierher, der ihm vom besonderen Studienansatz an der Modeakademie erzählte. Niklaus, der Dritte im Bunde, kommt aus der Schweiz. Gemeinsam haben sie geschuftet, geschwitzt und heraus kamen Crossover-Schuhe. WHF sind sehr erfolgreich mit ihren handgefertigten Kollektionen, die Robustheit und Finesse verbinden. Edle Materialien, bewährte Muster in Kombination mit überraschenden Designs und Street-Tauglichkeit zeichnen ihre bequemen Schuhe aus. In ihrer Werkstatt berichten mir die Jungs von ihren Anfängen, den ersten Entwürfen und dem Durchbruch als Modeschöpfer. Gar nicht prätentiös, sondern angenehm geerdet, schildern sie den manchmal steinigen Weg, den Künstler in dieser Branche zu bewältigen haben.

Danach mache ich mich auf, noch eine Attraktion von Antwerpen zu besichtigen: den Zoo. Er liegt direkt neben dem Bahnhof, also schnell gepackt und ab zum tierischen Vergnügen. Es ist schon was Einmaliges, so zentral ein Tiergehege anzulegen. Der Gedanke war wohl, den Stadtbewohnern den Besuch möglichst einfach zu machen. Von der Anlage her schön übersichtlich, mit reicher Fauna aus aller Welt, kann der Zoo als Oase in Antwerpen gelten. Hier kann man gemütlich schlendern, sich sortieren und den Tag ausklingen lassen. Die Giraffen haben es mir angetan. Drei stehen immer zusammen um den hochgelegenen Fressnapf, daneben hält einer Wache. Dann der nachdenkliche Schimpanse, der sich am Kopf kratzt und wohl über manches nachzudenken hat. Geht es um die nächste Banane oder vielleicht um mehr? Wie auch immer, der kleine Philosoph geht mir nicht aus dem Sinn, als ich den Zug nach Hause besteige. Antwerpen versteht es, zu bezaubern. Und ist Vorbild für nachhaltigen Umgang mit Geschichte und Gegenwart. Vielleicht gibt es bald ein Wiedersehen an der Schelde. (rb)

 

Mehr Infos unter:

www.visitantwerpen.be