Breslau – Kulturhauptstadt mit Flair

Im Südwesten Polens liegt Breslau, das heute Wroclaw heißt. Im Jahre 2016 wird diese wunderschöne Stadt als Kulturmetropole geehrt. Zahlreiche Projekte sind in Vorbereitung, damit die Besucher ein unvergessliches Erlebnis haben werden. Schon jetzt lohnt sich die Reise, denn Breslau hat viel zu bieten – bei Tag und bei Nacht.

Breslau kann man bequem mit dem Flugzeug oder mit dem Zug erreichen. Als ich im Art Hotel in der Altstadt ankomme, bekomme ich einen Eindruck vom Flair dieser Stadt: Meine Unterkunft begrüßt mich mit gediegenem Komfort und freundlichem Personal. Eine Erkundung der Umgebung lässt mich erst mal staunen. Nach dem Krieg war Breslau stark zerstört, davon ist heute nichts mehr zu sehen. Alte Gebäude aus vergangenen Zeiten erstrahlen in bunten Farben. Hier wurde viel geleistet, um die Wunden früherer Zeiten zu tilgen. Jetzt ist Breslau zugleich eine moderne, aber auch kulturell bedeutende Stadt. Deutsche Touristen sehe ich eine ganze Menge. Dabei ist Breslau im Vergleich zu Krakau noch ein echter Geheimtipp. Wer Kunst und Kultur liebt, dabei auch noch was erleben möchte, der ist hier richtig.

Nachts ist viel los in Breslau

Spannende Geschichte der Stadt

Wir befinden uns in Niederschlesien. Hier, an der Oder, siedelten schon seit dem fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung slawische Stämme. Um das Jahr 1000 wurde die Stadt befestigt und zum Bistum ausgerufen. Dann kamen deutsche Siedler, und Schlesien insgesamt wurde zu einem unabhängigen Herzogtum. Deutsche und Polen lebten hier in Frieden miteinander. Im 14. Jahrhundert geriet Breslau unter böhmische Herrschaft. Nach einigen blutigen Wirren folgte eine Periode der wirtschaftlichen Blüte, in der Breslau in die Hanse aufgenommen wurde, denn die Oder war schon damals ein wichtiger Handelsweg. Von den Ungarn übernahmen die Habsburger Schlesien. Im Dreißigjährigen Krieg zogen verschiedene Truppen durch die Stadt und dann kam noch die Pest. In der Zeit der schlesischen Kriege belagerte Friedrich der Große Breslau, und die Stadt kam zu Preußen. Es wurde zum Spielball zwischen den Großmächten der damaligen Zeit. Der Dichter Lessing war einige Jahre hier als Schreiber für einen General. Dann kam Napoleon, der die Festung von Breslau schleifen ließ. Allerdings wurde auch die Universität der Stadt gegründet. Nach der Niederlage der Franzosen übernahmen wieder die Preußen die Geschicke Breslaus, es folgte eine Zeit des kulturellen Aufschwungs. Es wurde überwiegend Deutsch gesprochen, prominente Dichter und Denker nahmen hier Quartier.Viele Flüsse gehen durch Breslau Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Provinz Schlesien in einen oberen und niederen Teil gespalten. Weiterhin war es deutsches Territorium. Die Nazis wüteten danach furchtbar in der Stadt: Es wurden Lager für politische Häftlinge errichtet. Zwangsarbeiter und Juden mussten schrecklich leiden. 1944 wurde es zur „Festung“ erklärt, die um jeden Preis zu halten sei. Als die Rote Armee Richtung Breslau durchbrach, wurde die Bevölkerung evakuiert. Schwerste Kämpfe beendeten schließlich die deutsche Herrschaft in der Stadt, und Breslau wurde wieder an Polen übergeben. Langsam erholten sich die Bewohner von den Strapazen der Kriegsjahre und begannen, die Trümmer zu beseitigen. Dann folgte die kommunistische Periode, unter der die Breslauer ebenfalls zu leiden hatten. Erst mit der Gründung einer freien Republik Polen konnte Breslau den Wiederaufbau der historischen Bausubstanz so richtig angehen. Es ist wirklich erstaunlich, wie es bisher gelungen ist, die Stadt so herzurichten, dass die alten Gebäude aus unterschiedlichen Epochen heute wieder glanzvoll erstanden sind. Bei einem Spaziergang durch die Altstadt kann man sich davon überzeugen.

Lokomotiven-Monument

Breslau in der Gegenwart

Die Polen sind ein stolzes Volk. Unter kommunistischer Herrschaft gehörten sie zu den ersten, die Anfang der Achtziger eine mächtige Gegenbewegung ins Leben gerufen haben – die Solidarność. In Breslau gab noch eine besondere Form des Widerstands, die typisch war für die originelle Denkweise der Bevölkerung: Die „Orangene Alternative“ wählte den Kulturkampf als Mittel, um auf die Absurdität des Systems hinzuweisen. Parolen des Protests wurden auf Häuserwände gemalt, diese wiederum von der Obrigkeit weggetüncht, dann malten die Aktivisten einen Zwerg daneben. So wurden Zwerge zum Symbol der Auflehnung. Als Zwerge verkleidet, gingen schließlich die Breslauer auf die Demos – denn das Versammlungsverbot galt ja nur für richtige Menschen. Damit brachten die findigen Bürger das kommunistische System auch aus dem Gleichgewicht. Nach dem Untergang des Sowjetreichs und der folgenden politischen Unabhängigkeit erinnerte man sich um die Jahrtausendwende an diese erfolgreiche Episode zur Vermarktung der Stadt. Wichtel aus Bronze, deren Zahl stetig steigt, schmücken seitdem markante Stellen von Breslau. Sie sind mittlerweile ein Wahrzeichen geworden. Auch die vielen Brücken sind typisch, denn mehrere Flüsse durchziehen die alte Handelsmetropole. Zusammen mit den vielen Grünflächen ergibt sich ein sehr romantisches Flair in dieser Stadt. Davon zeugt die Sitte, an manchen Brücken Vorhängeschlösser mit Liebesschwüren anzubringen. Auch bei uns ist dieser Brauch nicht unbekannt. Man sieht hier viele junge Paare, manche schon mit Kinderwagen. Überhaupt ist das Leben in dieser Stadt entspannt, der Lebensstandard erscheint hoch zu sein. Schöne Geschäfte und Kunstgalerien prägen das Bild in der Innenstadt.

Die Brücke der Liebenden

In einer Galerie treffe ich Agata Gertchen, die großformatige Bilder ausstellt. Die sympathische Frau lässt sich von Haushaltsgeräten zu ihren monochromen Kunstwerken anregen und schafft damit sehr originelle Einblicke in ihr Seelenleben. Überall in der Stadt finden sich Kunstwerke und Skulpturen moderner oder historischer Provenienz. Wer erst mal genug Kultur getankt hat, der kann sich an einem der großzügigen Plätze in der Altstadt zum Kaffee niederlassen und die Dinge Revue passieren lassen. Die Preise sind sehr moderat und das Personal freundlich. Auch kulinarisch hat Breslau viel zu bieten: Ob polnische, ukrainische oder ungarische Küche – die Gaumenfreuden kommen hier nicht zu kurz. Von urig bis elegant, die Gaststätten sind im Angebot der Speisen bis hin zur Weinkarte sehr vielfältig. Auch das Nachtleben hat es in sich: Die Breslauer feiern gerne und gut – für jeden Geschmack ist was dabei. Ob cooler Club oder zünftige Kneipe, überall lustige Leute, mit denen man auch leicht ins Gespräch kommt. Eine Stadt, die erst früh am Morgen zur Ruhe kommt. Das liegt auch an den vielen Studenten, die nach anstrengenden Seminaren Spaß und Abwechslung suchen. Die Innenstadt ist um diese Zeit schön beleuchtet, man kann also auch einfach auch nur lustwandeln und das bunte Treiben auf sich wirken lassen.

Architektur für Kenner

Zukunft als Kulturhauptstadt

Große Dinge kündigen sich an in Breslau: Die Vorbereitungen zur den Events im Jahre 2016 laufen auf Hochtouren. Viel hat sich die Stadt als Kulturhauptstadt vorgenommen. Hunderte Projekte und Veranstaltungen sollen, im wahrsten Sinne des Wortes, über die Bühne gehen. Ich treffe einige Verantwortliche, die in höchsten Tönen von den kommenden Ereignissen schwärmen. Musik, Tanz, Performance und Kunst werden die Stadt zum Magneten in Europa machen. Eine riesige Konzerthalle ist schon fast fertig, diese wird nach neuesten Erkenntnissen der Akustik gebaut. Klassische Konzerte sind geplant, gewaltige Chöre warten auf ihren Einsatz. Dies bedeutet natürlich auch ein hohes Maß an Planung und Organisation, dazu haben die Verantwortlichen zusätzlich noch Spezialisten aus dem Ausland engagiert. Alles soll reibungslos ablaufen und unvergessliche Eindrücke beim Publikum hinterlassen, das sich auch an vielen Events aktiv beteiligen kann. Dieser große Aufwand ist selbstverständlich nicht nur Ausdruck des wachsenden Selbstbewusstseins der polnischen Metropole, sondern soll nachhaltig zum Stadtmarketing beitragen. Breslau ist jetzt schon ein ganz besonderes Entdeckerziel und wird im Jahre 2016 für wunderbare Kulturerlebnisse sorgen. Davon bin ich überzeugt. Bevor es wieder nach Hause geht, gönne ich mir noch einen kleinen Abstecher: Im Schloss Topacz, vor den Toren der Stadt, ist ein herrliches Hotel entstanden. Hier kann man sehr gemütlich einige Tage zubringen, um dem Trubel zu entgehen. Das Oldtimer-Museum auf dem weitläufigen Gelände lädt zu nostalgischen Reminiszenzen an die Zeiten des Gran Turismo ein. Ja, Breslau hat es mir angetan – ein Geheimtipp für Kenner . (rb)

 

Mehr Infos unter:

www.wroclaw.pl/de/europische-kulturhauptstadt-2016