Cardiff – Walisische Sinfonie

Wenn man an Wales denkt, kommen einem Bilder von romantischen Hügellandschaften in den Sinn. Cardiff ist die Hauptstadt einer Region in Großbritannien, die viel erlebt hat. Einst Wirtschaftsmetropole mit bedeutendem Hafen, ist die Stadt heute kulturelles Zentrum mit herrlichen Shopping-Arkaden, Restaurants für jeden Geschmack und ausgeprägtem Nightlife.

 

Ort der Wandlungen

Robert holt mich am Flughafen in Bristol ab. Man kann auch direkt nach Cardiff fliegen. Gemeinsam wollen wir erst mal die einzigartige Landschaft der Brecon Beacons erkunden. Hier liegt ein Nationalpark mit Gebirgen, Mooren und eindrucksvollen Wasserfällen. Ein Panorama, wie aus dem Bilderbuch. Unsere erste Station ist Chepstow, direkt an der Grenze zwischen Wales und England. Das Städtchen liegt am Fluss Wye und ist bekannt für seine Burgruine, die als älteste Wehranlage aus Stein in Großbritannien gilt. Sie geht noch auf Wilhelm den Eroberer zurück. Überhaupt ist Wales für Burgfans ein Eldorado, denn hier wurde viel gekämpft. Die Waliser bestehen auch heute noch auf ihrer nationalen Identität, sie nennen ihr Land Cymru, sind stolz auf ihre eigene Sprache mit keltischem Hintergrund. Dies zeigt sich auch an den Straßenschildern, alle in Englisch und Walisisch. Nach erbittertem Widerstand konnten die Engländer im Mittelalter das Land erobern, und seitdem heißt der englische Thronfolger Prince of Wales. Es geht weiter zur Tintern Abbey. Vom Kloster aus dem 12. Jahrhundert stehen heute noch die gotischen Fassaden, der Blick geht nach oben in den freien Himmel. Vor der Christianisierung gaben die keltischen Druiden hier den Ton an.

Nach diesen kulturellen Highlights bekomme ich einen Einblick in eine Facette von Wales, die mich sehr angenehm überrascht hat: Im Whitebrook – Restaurant with Rooms kann ich mit Robert die kulinarischen Künste von Michelin-Koch Chris Harrod genießen. Auch im weiteren Verlauf meiner Reise entdecke ich, dass Wales für Feinschmecker wirklich einiges zu bieten hat. Robert fragt mich, ob ich gerne lese. Dies kann ich nur bejahen. Also fahren wir nach Hay On Wye. Der Ort ist das erste Bücherdorf der Welt, mit knapp 2.000 Einwohnern, dafür aber fast 40 Antiquariaten. Richard Booth eröffnete seinen Bücherladen 1961 mit einem Lesestoff-Container aus New York, ernannte sich selbst zum König von Hay. Seine „Untertanen“ taten es ihm gleich ; so findet man in dem Ort heute wirklich an jeder Ecke Heimstätten für Leseratten. Das alljährliche Literaturfestival wurde mal von Bill Clinton als Woodstock des Geistes gelobt.

Wir übernachten im Foyles of Glasbury – ein Geheimtipp. Die Zimmer sind sehr geschmackvoll eingerichtet. Hier kocht Gary Wheeler, der ebenfalls Michelin-Ehren besitzt. Mit der Direktorin des Hauses, Henrietta Hensher, verbringen wir ein nettes Plauderstündchen, bevor wir uns beim Dinner von der Qualität der Küche überzeugen können. Das kulinarische Konzept: bodenständig, saisonal und ehrlich. Am nächsten Morgen setzen wir unsere Fahrt fort, Richtung Süden nach Cardiff. Es geht durch Hügel von South Wales, die schon Barden und Poeten besungen haben und auch mich entzücken. Hier weiden Kühe und Schafe, die Milch für die vorzüglichen Käsesorten der Region liefern. Wales verfügt auch über reiche Vorkommen von Bodenschätzen: Der Abbau von Kohle machte im 19. Jahrhundert Cardiff zu einem der größten Häfen der Welt. Dem schottischen Adelsgeschlecht der Butes verdankt die Stadt seine rasante Entwicklung zum bedeutenden Handelsplatz und zu wirtschaftlicher Prosperität. Auch wenn Kohle in unseren Tagen keine wesentliche Rolle mehr spielt, so zeugt die Architektur vergangener Zeiten von großem Wohlstand.

Cardiff heute

Quartier nehme ich jetzt im Park Plaza, ganz zentral in Cardiff gelegen. Von hier ist die Innenstadt sehr gut fußläufig zu erkunden. Ich treffe Sian Roberts. Sie macht mit mir eine Food-Tour. Für Feinschmecker ist Cardiff eine echte Entdeckung. Sian hat als TV-Producerin gearbeitet, bevor sie ihre Liebe zur walisischen Küche zum Beruf gemacht hat. Wir nehmen zunächst einen Tee mit Welsh Cake im Nationalmuseum. Dann schlendern wir durch die hübschen Einkaufsarkaden, wo wir bei Wally’s Delicatessen einkehren. Oben ist ein Kaffeehaus, unten die reichhaltigen Theken mit Spezialitäten aus Wales und aller Welt. Lynne von der Käse-Abteilung weiht mich ein die Sortenvielfalt: Teifi ist aus unbehandelter Milch, Red Devil eher würzig, Caerphilly sehr delikat und Pant Ysgawn aus Ziegenmilch, um nur ein paar zu nennen. Im Cardiff Market probieren wir Laverbread and Cockles, das ist Seetang mit Herzmuscheln. An einen anderen Stand gibt es was Warmes: Faggots  and Peas, Hackbällchen mit Innereien und Speck, dazu Erbsen. Diese einfachen und herzhaften Speisen sind bei den Walisern sehr beliebt. Zurück im Hotel genehmige ich mir ein bisschen Entspannung im Spa-Bereich. Am Abend gehe ich in das Wales Millenium Centre, einen sehr modernen Kulturbau im neugestalteten Hafenbereich, und schaue mir das Musical „Billy Elliot“ an – und bin zu Tränen gerührt. Die Geschichte eines englischen Bergarbeitersohnes, dessen Traum vom Tanzen allen Widrigkeiten trotzt, könnte sich vielleicht auch in Wales zugetragen haben.

Mit „Bore Da“ begrüßt mich Bill O’Keefe, das heißt „Guten Morgen“ auf Walisisch. Mit ihm mache ich eine Führung durch die Stadt. Wir besichtigen Cardiff Castle, wo gerade eines der vielen Festivals stattfindet. In der Mitte der Anlage liegt die alte normannische Burg, daneben das Herrenhaus der Familie Bute, die Cardiff zur Blüte brachte. Nachdem der Kohlehandel sich nicht mehr lohnte, zogen die Butes sich zurück in ihre schottischen Stammlande und schenkten das Anwesen der Stadt. Mit dem Boot geht es weiter in den Hafen Cardiff Bay, der früher Tiger Bay hieß und ein hartes Pflaster für Matrosen war. Heute ist hier moderne Architektur beherrschend, das Wales Millenium Centre und das walisische Parlament stehen hier und ein Denkmal für Kapitän Scott, der von hier zu seiner letzten Expedition zum Südpol aufbrach. Die BBC hat ihre regionalen Studios hier und man kann eine Ausstellung zur beliebten TV-Serie „Doctor Who“ besuchen. Nette Cafés mit herrlichem Blick auf das Meer machen den Besuch zum Erlebnis.

Am Abend treffe mich mit Robert zum Dinner im The Potted Pig, einem angesagten Restaurant bei Einheimischen. Leckeres vom Schwein und andere Spezialitäten werden in dem gemütlichen Gewölbe serviert. Dann nimmt mich Robert mit auf eine kleine Tour durch das Nachtleben von Cardiff. Ganz zentral um die Charles Street und den Churchill Way sind die vielen schwulen Bars und Clubs gelegen. Für jeden ist was dabei: WOW Bar, Eagle, The Golden Cross und Pulse– hier trifft man die Cardiffer Szene, die gerne und viel feiert. Man findet hier schnell Kontakt, die Leute sind freundlich und aufgeschlossen. So ist der Aufenthalt in Wales und seiner Hauptstadt Cardiff für mich so etwas wie eine Sinfonie der Sinne geworden, ein Zusammenklang von vielen schönen Eindrücken. (rb)

 

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www.visitwales.com