Eine Chance für Sarajevo

Paris, London oder New York kennen viele. Aber manchmal tut auch eine Reise abseits der abgetretenen Touristenpfade und der beliebten Metropolen gut. Und auch Sarajevo hat eine Chance verdient. So beginnt ein origineller City-Trip in die bosnische Hauptstadt!

„Was machst du denn dort?“ oder „Reist du wirklich freiwillig dorthin?“, so waren die Reaktionen, als ich Freunden erzählte, dass ich ein verlängertes Wochenende in Sarajevo verbringen würde. Sogar „Willst du wirklich in ein Kriegsgebiet?“ bekam ich zu hören. Kurz vor meinem Abflug dann aber wenigstens eine Person, die mir wieder Hoffnung macht: „Die Stadt wird dich beeindrucken“, und so setze ich mich voller Erwartung in den Flieger…

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Die Fahrt vom Flughafen erfolgt mit dem Taxi, da es keine regelmäßige Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt gibt. Bereits nach ein paar Minuten Fahrt bin ich mitten im Sozialismus angekommen. Hohe Plattenbauten prägen das Bild der Vorstädte. Es geht die lange und breite Ulica Zmaja od Bosne entlang in Richtung Stadtzentrum. Später erfahre ich, dass der Boulevard zu Zeiten der Belagerung Sarajevos zwischen 1992 und 1995 als „Sniper Alley“ bekannt war und zu den gefährlichsten Straßen überhaupt zählte, denn Heckenschützen schossen von den hohen Gebäuden der Hauptverkehrsstraße. Auch heute noch zeugen Einschusslöcher in vielen Gebäuden von den höllischen Zuständen, die dort vor 20 Jahren herrschten.

AussichtmitFriedhof

 

Beeindruckend von Sarajevo ist die Lage. Die ca. 400.000 Einwohner zählende Stadt macht sich in einer Ebene breit und wird von grünen Hügeln und Wäldern umgeben. Auch hohe mit Schnee bedeckte Berge und Skipisten sind zu erblicken. Immerhin fanden hier 1984 die Olympischen Winterspiele statt. Bei einem Spaziergang vom Stadtzentrum nur ein paar Schritte aufwärts kann man sich einen guten Überblick auf die gesamte Stadt verschaffen, wobei die Viertel etwas oberhalb des Zentrums mit den gepflegten Einfamilienhäusern fast schon dörflichen Charakter besitzen. Ein Besuch eines der islamischen Friedhöfe auf den Hügeln sollte ebenfalls dazugehören.

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Bald lerne ich die ausgezeichnete bosnische Küche kennen. Bosnien ist ein gebirgiges Land mit wenig Zugang zum Meer und so erstaunt es nicht, dass die landestypischen Gerichte meist auf Fleisch basieren und nicht unbedingt leicht sind. Die Lebensmittel würden hier auf besonders gesunde Weise hergestellt und die Tiere artgerecht gehalten, wird mir mehrere Male mitgeteilt. Dolma, Sarma und der bosnische Eintopf sollten unbedingt ausprobiert werden. An vielen Ecken gibt es einfache Imbiss-Stuben, die besonders günstige lokale Spezialitäten wie Ćevapčići, gefüllte Pita-Brote oder Burek, ein Blätterteiggericht mit Käse, Fleisch oder Spinat, anbieten. Dazu noch ein traditionelles Trinkjoghurt und wir sind um weniger als 5 Euro satt. In der Buregdžinica Ispod Sača mitten im orientalischen Viertel geht es besonders authentisch zu und man kann dem durchgeschwitzten Bäcker am Holzofen direkt beim Backen zusehen.

marktgeschehen

Natürlich gibt es auch edlere Restaurants. So werden im „Inat Kuca“, ganz in Nähe der im Krieg zerstörten und jetzt wiedereröffneten Nationalbibliothek, Spezialitäten wie Fleischeintopf oder gefüllte Paprika serviert und das Haus hat nebenbei eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Das Restaurant im Hotel Hecco Deluxe verwöhnt die Gäste mit hervorragenden Steaks bei einer tollen Aussicht auf die Stadt und in den Lokalen rund um die Đulagina čikma warten gleich mehrere einladende Gastgärten. Auch wenn es dort nichts zu essen gibt, so ist ein Besuch des Café Tito ein wahres Erlebnis und versetzt zurück in die „gute, alte Zeit“ des kommunistischen Jugoslawiens unter dem Herrscher Tito. Nichtraucherschutz darf man sich in Bosnien übrigens nicht erwarten, denn hier wird noch fast überall geraucht, so wie es bei uns vor einigen Jahren auch noch der Fall war.kriegsmahnmal

 

Jeden Samstag um 16:30 Uhr führt Zijo vom Tourveranstalter „Insider“ Touristen gegen eine freiwillige Spende durch die Stadt. Der intellektuelle, ältere Mann mit langen Haaren legt wenig Wert auf Kleidung, eine Zigarette im Mund gehört zu seinem Hauptaccessoire und man sieht ihm sein Interesse an Geschichte an. Zijo führt uns durch die verschiedenen Religionen der Stadt, zeigt uns die größte Moschee (Gazi-Husrev-Beg-Moschee) , macht vor einer orthodoxen Kirche beim Freiheitspark Halt, spricht bei der katholischen Kathedrale über den Papstbesuch und erklärt uns bei einer Synagoge, warum Sarajevo ein bedeutender Ort für Juden war. Er stellt sich an die Stelle, an der 1914 der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau ermordet wurden, was den Ersten Weltkriege auslöste, und erzählt uns immer wieder Anekdoten von „seiner“ Stadt.

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Wir erleben mit ihm auch die grausame Geschichte von Bosnien, wobei Zijo es versteht, selbst diese mit Witz zu erzählen. Er zeigt uns einige „Rosen von Sarajevo“, rot markierte Löcher im Asphalt, die daran erinnern, dass hier Menschen durch Granaten im Krieg der 1990-er Jahre zu Tode gekommen sind. Einige haben tatsächlich die Gestalt von Blumen. Vor dem Museum zum grausamen Srebrenica-Attentat macht Zijo dann Halt. Er atmet tief durch und das Sprechen fällt ihm schwer, auch wenn er diese Tour wohl schon Dutzende Male gemacht hat. „Es ist leicht, in Dubrovnik oder in Wien Stadtführer zu sein. Da gibt es viel Schönes. Viel Historisches. Viele bekannte Persönlichkeiten. In Sarajevo ist das anders, hier gibt es vor allem Blut. Manchmal kann ich darüber reden, manchmal ist es besser, wenn ich nichts sage. Bomben töten dich schnell. Aber Worte können noch schlimmer sein. Denn sie bringen einen langsamen Tod.“ Alle Teilnehmenden sind sichtlich berührt…

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Die junge Mina zeigt uns bei einer weiteren Führung noch eine andere Facette aus der Zeit des Krieges. Die Exkursion führt vorbei an der Sniper Alley und unzähligen Kriegsschauplätzen in Richtung Flughafen. Immer wieder erzählt die noch unter 30-Jährige von ihren schrecklichen Erlebnissen im Krieg – sie war damals noch ein kleines Kind – wie sie sich ständig alle im Keller verstecken und ohne Strom leben mussten, und dass jede Familie einige Mitglieder verloren hat. Ihre Stimmt wirkt schwach und man merkt ihr an, dass sie noch immer sehr leidet und das Erlebte nie vergessen wird können. Der Kleinbus bringt uns zu einem unterirdischen Geheimtunnel, dem „Tunnel der Hoffnung“, der das belagerte Sarajevo mit einem freien bosnischen Dorf verband und als Fluchtweg sowie zum Transport von Nahrungsmitteln, aber auch Waffen diente. Das Haus, an dem der Tunnel endete, ist heute ein kleines Museum und ein kleiner Tunnelabschnitt kann besichtigt werden. Wirklich berührend. Vorerst reicht es nun mit trauriger Geschichte…

Zu meiner Lieblingsgegend von Sarajevo wird Baščaršija. Das nach dem Krieg renovierte Altstadtviertel geht bis ins 15. Jahrhundert zurück, erlebte seine Blütezeit unter der osmanischen Herrschaft und versprüht auch heute noch ein orientalisches Flair. Beim Spaziergang durch die engen, den Fußgängern vorbehaltenen Pflastersteingassen kann man sich davon überzeugen, dass dies ein bedeutender Handelsplatz war. Mehrere Moscheen prägen das Bild, Handwerker verkaufen typisches Geschirr aus Zinn und Kupfer sowie Gold- und Silberschmuck, Bazare bieten Souvenirs an, Einheimische und Touristen genießen in den Straßen einen in edlem Geschirr servierten bosnischen Kaffee oder Tee, einige rauchen dazu auch eine Schischa… Wir sind im Orient angekommen, und das mitten in Europa. Beim orientalischen Sebilj-Brunnen – dem Wahrzeichen der Stadt – sollte man dann noch die Tauben füttern und Wasser trinken, um wieder nach Sarajevo zurückzukehren, heißt es.

MoscheeinAltstadt

 

Sarajevo ist nicht nur orientalisch geprägt – die meisten Moslems sind übrigens gemäßigt und haben eine moderne Lebensweise – sondern rühmt sich aufgrund der verschiedenen Religionen als das Jerusalem Europas und natürlich steht die Stadt unter starkem Einfluss des Westens. Und so ist hier auch Shoppen „wie bei uns“ möglich. Vor allem in der kaiserlich anmutenden Ferhadija Straße mit den prunkvollen Gebäuden befinden sich einige Kleider-Läden und internationale Brands, wobei die Preise sich nur geringfügig von Deutschland unterscheiden. Zwei Shopping-Center lohnen einen Besuch: das zentral gelegene BBI Center und das Sarajevo City Centar. Letzteres beeindruckt mit einem luxuriösen Interieur, das an Dubai erinnert. Shoppen in diesem Einkaufszentrum können sich jedoch fast nur ausländische Touristen leisten und so sagt uns Mina bei ihrer Tour, dass das Einkaufszentrum von den Einheimischen oft als „Sarajevo Shitty Centar“ bezeichnet wird.

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Nur einen kurzen Fußmarsch vom Einkaufszentrum Sarajevo City Centar entfernt liegt der Avaz-Tower, mit über 170 Metern das höchste Gebäude der Stadt und des gesamten Balkans. Er wurde erst vor einigen Jahren erbaut und gehört mit seiner auffallenden gläsernen Fassade zu den modernen Gebäuden der Stadt. Ein Lift führt in eine Bar in die 35. Etage. Einen Stock höher wartet dann noch eine beeindruckende Aussichtsterrasse im Freien mit einem 360-Grad-Panorma: auf der einen Seite das Altstadtzentrum, auf der anderen die Plattenbauten mit den Hügeln und noch weiter hinten hohe, schneebedeckten Berge als Kulisse. Den Bahnhof kann man von hier gut beobachten. Dort scheint die Zeit stehengeblieben sein. In einer Stunde, in der ich in der günstigen Bar einen Cocktail genieße, fährt nur ein einziger Zug vorbei, der Parkplatz ist leer und der Brunnen ausgeschaltet.

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In einem Land wie Bosnien, das nach wie vor tief vom Krieg geprägt ist und in dem viele Menschen schlechte Zukunftsperspektiven haben, rückt die Frage nach Gay-Locations erstmal in den Hintergrund. Aber ich möchte dennoch herausfinden, ob es in der Balkanstadt etwas für Gays zu bieten gibt. Dazu aktivierte ich gleich mal unseren besten Freund Grindr. Wenigstens funktioniert der Chat auch hier, und ich sehe in der Stadt durchschnittlich 10 bis 20 Typen, die gerade online sind. Die Hälfte von ihnen sind Touristen. Die Einheimischen bestätigen mir alle, dass Sarajevo kein idealer Ort für Schwule ist. Als ich sie nach Gay-Bars frage, die ich bei Internetrecherchen gefunden habe, meinen sie alle, dass sie diese nicht kennen bzw. sie nicht mehr existieren. Einzig das Pussy Galore wird mir als gay-friendly Lokal empfohlen. Natürlich statte ich diesem dann einen Besuch ab. Das Lokal mit DJ befindet sich im historischen Zentrum im Keller des großen Clubs Hacienda. Auch wenn viele Besucher gay sind, so ist dennoch ein gewisser Grad an Zurückhaltung zu spüren. Selbst hier scheinen Schwule noch etwas vorsichtig zu sein und daher können Vergleiche mit Clubs anderer europäischer Hauptstädte nicht gezogen werden. Immerhin finde ich dann aber noch eine andere Bar, die bei Gays sehr beliebt zu sein scheint und eine tolerante und internationale Atmosphäre versprüht: das Ztlatna Ribica, übersetzt Goldener Fisch, ganz in der Nähe der ewigen Flamme für die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Das Lokal erinnert an einen Antiquitätenladen. Alte Möbel, stilvolles Geschirr und Dekorationsstücke aus früheren Zeiten sowie Schwarz-Weiß-Fotos und Poster machen den Goldenen Fisch einzigartig und selbst den Besuch der Toilette zum Erlebnis.

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Der Aufenthalt in Sarajevo hat sich vom Besuch anderer europäischer Städte deutlich unterschieden. Auch wenn die bosnische Hauptstadt weitgehend restauriert wurde, so sind die Spuren des Krieges noch zu sehen, vor allem aber zu spüren. Es ist nicht einfach, diese so ohne weiteres zu verdauen und es wird einem wieder mal bewusst, wie gut es uns eigentlich geht. Dennoch hat sich der Besuch absolut gelohnt und ist durchaus empfehlenswert. Denn mit seinem Mix aus islamischer, österreichisch-ungarischer und kommunistischer Kultur ist das Jerusalem Europas besonders sehenswert und versprüht ein außergewöhnliches Flair. Obwohl das Gay-Life de facto noch nicht existiert, so machen die freundlichen Menschen, das köstliche Essen und die günstigen Preise Sarajevo zu einem attraktiven alternativen Reiseziel für ein abenteuerliches, verlängertes Wochenende. (ms)