Madeira – Paradies ganzjährig

Nur ein paar Stunden Flug, und schon steht man im Garten Eden. Madeira ist eine ganz erstaunliche Insel. Auf diesem faszinierenden Eiland , das nur etwa 60 Kilometer lang ist, gibt es sehr unterschiedliche Klimazonen. Der raue Norden ist etwas kühler, während im Süden die Sonne das Sagen hat. Hier liegt auch die Hauptstadt Funchal, welche Anlaufpunkt für zahlreiche Kreuzfahrten ist. Es gibt viel zu entdecken auf dieser portugiesischen Insel: Natur, Kultur, Schmackhaftes für den Gaumen und angenehme Entspannung.

Über Lissabon fliege ich nach Funchal. Zunächst fällt mir auf, wie blitzblank und neu hier alles ist. Die EU hat in die Infrastruktur viel investiert, und das merkt man sofort. Ein modernes Straßennetz mit Tunneln führt auf direktem Wege in das pulsierende Leben der größten Stadt auf der Insel. Im Hotel Pestana Casino fühle ich mich zurückversetzt in die mondäne Welt der Sechziger Jahre: Der berühmte Architekt Oscar Niemeyer hat sich hier ein elegantes Denkmal gesetzt. Die großzügige Anlage mit Meeresblick lädt zum Träumen ein. Doch ein weiteres Hotel-Highlight wartet darauf, erkundet zu werden. Begeisterte Gäste haben The Vine ist zum weltweit besten Design-Hotel gekürt. Bei einem fabelhaften Mahl genieße ich den Blick auf das Lichterspiel über den Dächern von Funchal. Eine sehr romantische Erfahrung. Susana, die mir vor dem Essen die farblich nach Etagen abgestimmten Zimmer zeigt, gibt mir erste Informationen über die Insel. Das Wetter ist eigentlich zu jeder Jahreszeit sehr gut – schließlich liegen wir auf der Höhe von Afrika. Der vulkanische Ursprung hat Gebirge mit bis zu 1.800 Metern Höhe hervorgebracht. So kann man hier auch wunderbar wandern und klare Bergluft genießen, wenn Abwechslung zum Strand gefragt ist. Das Meer ist sehr tief, fällt bis auf 4.000 Meter schroff ab. Und ganz liebe Leute sind hier anzutreffen – sehr freundlich und hilfsbereit. Viele sprechen Englisch, manche auch Deutsch, weil Madeira bei uns als Reiseziel immer bekannter wird. Die Preise sind moderat. Auf dem Rückweg atme ich die von Blumen und Gewürzen geschwängerte Abendluft ein und fühle mich paradiesisch wohl.

Kultur, Poncha und schwarzer Fisch

Anfang des 15. Jahrhunderts kamen die Portugiesen nach Madeira und brachten die europäische Kultur auf die Insel. Die Seefahrernation brauchte viel Holz für die Schiffe, und hier wuchs der Lorbeerbaum – daher der Name „Madeira“, das Wort für Holz auf Portugiesisch. Es wurde Zuckerrohr angebaut, danach Wein. Es gibt ganz viele Sorten Bananen auf der Insel. Dann kamen die Engländer. Der süffige Madeirawein wird und wurde gerne auch in London getrunken. Churchill hat hier zur Entspannung vom politischen Tagesgeschäft Landschaftsbilder gemalt. Viele Briten haben sich ein Domizil auf der Insel zugelegt, um dem Nieselwetter daheim zu entfliehen. Auch wenn Madeira sonnenverwöhnt ist, ergreift die Einheimischen manchmal „Saudade“ – der typische Weltschmerz von Portugiesen. Das heißt nicht, dass hier Trübsal geblasen wird. Vielmehr ist es ein Gefühl, das mit Stolz kultiviert und in Gedichten und Liedern seinen Ausdruck findet. Es ist vielleicht die Sehnsucht nach immerwährendem Glück, die nicht erfüllt werden kann. Ein Rundgang durch die pittoreske Altstadt von Funchal: Die Leute mögen es farbenfroh, eine Blumenpracht und bunte Wandgemälde an der Fassaden der Häuschen sorgen für Augenschmaus. Danach bringt mich Marta, die sich rührend um den Gast  aus Deutschland kümmert, in die Hügel über der Stadt zum Restaurant Adega da Quinta. Hier kann man auch schön wohnen. Alberto, der Chefkoch, bereitet ein typisches Fleischgericht zu: Espetada – durchwachsenes Rindfleisch am Lorbeerholz-Spieß, dazu leckeres Knoblauchbrot. Eine Delikatesse, über offenem Feuer geröstet. Hinterher gibt es Honigkuchen und zur Verdauung etwas Madeirawein. Jetzt noch was einkaufen für die Daheimgebliebenen: Seife ist auf Madeira eine Spezialität. Viele interessante Duftnoten stehen zur Auswahl. Auch Korbflechterei und Stickerei haben hier Tradition. Abends treffe ich mich mit Tobi Hughes. Der Londoner lebt hier seit Jahren mit seinem einheimischen Partner, hat auf gaymadeira.com Sehenswertes auf der Insel zusammengefasst. Um es vorweg zu nehmen: Es gibt keine echte „Szene“ auf Madeira, aber man ist sehr tolerant und gay-friendly. Wir kehren bei einer gemütlichen Kneipe an der Promenade von Funchal ein und trinken Poncha. Das ist Schnaps aus Zuckerrohr, mit Honig und einem Schuss Zitronensaft. Wir streifen noch ein wenig durch das durchaus rege Nachtleben von Funchal. Es ist ein sehr sicherer Ort. Am nächsten Morgen geht es auf den Markt. Fruchtsorten, die ich bisher nicht kannte, werden mir zur Verköstigung angeboten. Und es gibt ganz viele verschiedene Bananensorten, manche sehen gar nicht so recht wie Bananen aus. Man sagt hier: Je kleiner die Banane, desto besser der Geschmack. Auch Maronen werden angeboten. Die isst man entweder mit Meersalz gebacken oder als Süßspeise. Apropos: Süßkartoffeln gehören hier auch traditionell auf den Teller. In der Fischhalle sehe ich in natura den berühmten Espada, den schwarzen Degenfisch, der sonst nur noch in wenigen Gebieten im Nordatlantik gefischt werden kann. Der wird gerne mit Banane und Pfefferkörnern gereicht und kommt aus Tiefen von bis zu 1.700 Metern. Herrliches Filet, zergeht auf der Zunge.

Design, Mode und ein Ständchen

Eine ganz andere Seite von Madeira lerne ich bei meinem Treffen mit Cristina Pinto kennen. Die gelernte Designerin hat einen schnuckeligen Shop in Funchal, wo man allerhand entdecken kann. Sie sammelt Möbel und Gebrauchsgegenstände aus früheren Epochen, bearbeitet diese und gibt ihnen einen neuen Nutzen. So was wie shabby chic und upcycling, aber eben mit dem Madeira-Touch. Ihre Schwester „macht in Mode“, alles in Handarbeit selbstverständlich. Weiter geht es ins Atelier von Hugo Santos: Der bekannte Modedesigner hat sich auf Hochzeitsgewänder spezialisiert, macht wundervolle Arbeiten mit aufwändigen Stickereien. Kenner weltweit schätzen seine textilen Kreationen. Dann bin ich mit Catia verabredet: Sie führt mich durch ihre riesige Buchhandlung, die größte von ganz Portugal. In einem ehemaligen Herrenhaus mit über 20 Räumen untergebracht, bietet dieses Eldorado für Leseratten etwas für jeden Geschmack. In der Livraria Esperanca kann man sich fast verlaufen. Damit dies nicht geschieht, zeigt einem Catia den Weg zur gewünschten Literatur. Und noch ein Highlight folgt: Im Studio von D Diarte kommen mir schon Diogo und Diamantino entgegen. Die beiden haben als Kunstmaler angefangen, sind dann zur Fotografie gewechselt und haben mittlerweile überall in Europa für ihre einzigartigen Lichtbild-Kompositionen Preise und Auszeichnungen erhalten. Großformatig gestalten sie fotografische Konzeptkunst mit mehr oder weniger nackten Menschengruppen unter Leitmotiv. Ihre Botschaft ist universell: Toleranz, Nachhaltigkeit und Liebe. Sie gestalten auch Decken in bekannten Restaurants auf dem Festland und in Kirchen. Die beiden sympathischen Herren haben auf der Insel Körperlichkeit im öffentlichen Raum neu definiert. Das ist weit mehr als Aktfotografie – das ist große Meisterschaft mit der Kamera. Echt sehenswert! Danach habe ich noch das große Glück, eine Künstlerin der Stimme zu treffen: Vania Fernandes ist in ganz Portugal als Vokal-Interpretin bekannt, hat am European Song Contest teilgenommen und verfügt über ein Repertoire von Pop über Chanson bis hin zu Klassik. Sensationell ist die Intensität, mit der sie alle Genres und Klangfarben beherrscht. Sie gibt mir eine kleine Kostprobe: Sie singt ein wehmütiges Fado-Lied, das richtig unter die Haut geht. Mit Marta fahre ich noch an die Klippen. Hier steht man auf einer Glasplattform, und darunter liegt 580 Meter tief das Meer. Ganz schön aufregend.

Gebirge, Levadas und Wellness

Am nächsten Tag fahre ich mit Angelo ins Gebirge. Erst haben wir Sorge, dass das Wetter oberhalb der Baumgrenze nicht ganz mitspielt – aber dann: Der Himmel reißt auf und präsentiert die Berglandschaft in strahlendem Sonnenschein. Die Wolkendecke taucht die Felsformationen unter uns in Watte. Hier herrschen andere Temperaturen als unten an der Küste. Hier gibt es sogar manchmal Schnee und Eis. Runter geht es mit dem Geländewagen querfeldein auf die kaum befestigten Wege, die früher Bauern nutzten, um Holz zu sammeln. Dann hält Angelo an und zeigt mir die Levadas. Das sind Bewässerungskanäle, die schon ab Mitte des 15. Jahrhunderts angelegt wurden, um die Siedlungen an der Küste zu versorgen. Durch die geografischen Gegebenheiten der Insel hat Madeira mit seinen unterschiedlichen Mikroklimata nie unter Wassermangel gelitten, im Gegensatz zu anderen Inseln, die auch vor Afrika liegen. Man kann hunderte von Kilometern entlang der zaghaft bis kräftig plätschernden Wasserwege wandern. Bananenplantagen säumen den Weg, in der Ferne bellt ein Hund. Hier trifft man nur selten andere Menschen, kann wirklich zu sich finden. Dann eine Fahrt an die Küste. Von dort aus sehe ich in der Ferne Porto Santo. Die Insel liegt etwa 40 Kilometer im Nordosten von Madeira, hat einen riesigen Sandstrand. Ich ziehe um, nach Ponta do Sol. Im Hotel Estalagem kann ich die vielen Eindrücke verarbeiten. Hier ist auch Wellness angesagt. Bei dem Fischerdörfchen, etwa 40 Kilometer westlich von Funchal, liegt dieses ganz besondere Hotel. In den Berg hineingebaut, verbinden mehrere Aufzüge die verschiedenen Komplexe des Hauses. Um meinen verspannten Rücken kümmert sich fachkundig Sandra, die mir bei der Massage interessante Dinge über die Region erzählt. Wieder so ein netter Mensch, von denen ich auf dieser Reise so viele kennengelernt habe. Heute steht auch Kultur nochmal auf dem Programm. Ich fahre nach Calheta, wo mir Carla das Art Center mit seiner zeitgenössischen Kunst zeigt. Dann geht es zum Surfer-Paradies Jardim do Mar, wo mir die Wirtin des Restaurants Tarmar den schwarzen Degenfisch nach Art des Hauses kredenzt. Wirklich lecker! Auf der Terrasse lasse ich die Dinge Revue passieren und kann nur sagen: Madeira, du siehst mich wieder! (rb)

Mehr Infos unter:

www.visitmadeira.pt