St. Moritz – Kult auch im Sommer

Ganz versteckt, im östlichen Zipfel der Schweiz, liegt der Ort St. Moritz. Hier hat Gunter Sachs rauschende Feste gefeiert und ist halsbrecherische Bobrennen gefahren. Moment, aber das ist doch dann ein reiner Wintersportort. Weit gefehlt! Denn im Sommer zeigt sich erst die märchenhafte Pracht der Engadiner Natur. Hier verbindet sich in den warmen Monaten Savoir-vivre mit Höhenluft bei angenehmen Temperaturen. Wandern, Segeln, die Seele lüften lassen!

Vor vielen Jahren war ich mal in St. Moritz, als kleiner Junge und bei klirrender Kälte. Also würde dies eine sentimental journey – eine Reise auf den Spuren der Vergangenheit. In alter Treue zu den Eidgenossen fliege ich mit Swiss nach Zürich. Und dann die Überraschung: Ich habe mehrfach Umsteigen mit dem Zug vor mir. Das klingt nach Stress. Ist es aber nicht. Die Schweizer sind genaue Leute, achten auf Pünktlichkeit und Effizienz, machen allerdings keine großen Worte darum. Vielleicht ist deswegen auch ihr Uhrenhandwerk weltberühmt. Jedenfalls funktioniert alles wie am Schnürchen, und ich komme entspannt am Bahnhof des mondänen Ortes an. Zuvor habe ich die atemberaubende Landschaft des Engadin auf mich wirken lassen. Denn die Rhätische Bahn durchzieht ein Naturschauspiel besonderer Art – sie schlängelt sich über tiefe Schluchten, an ungestümen Sturzbächen vorbei, um schließlich in einem der schönsten Täler des Kantons Graubünden zu halten. Was heißt hier Tal – immerhin sind wir auf 1.800 Meter über dem Meeresspiegel. Das merke ich recht bald. Denn die frische Höhenluft sorgt für Vitalität und einen guten Schlaf. Nach der Schlepperei mit dem Koffer bin ich aber erst mal froh, die sonore Stimme des Chauffeurs zu hören, der mich von meiner Last befreit und höflich zum Wagen bittet. Ich erfahre später, dass diese Herren hier auch „Chasseur“ genannt werden – also Jäger. Tja, manchmal muss man sicher den scharfen Blick eines Waidmanns haben, um die Gäste einzusammeln. Vorbei geht es an tiefblauen Seen, die auch im Sommer recht kühl sind. Baden ist hier eher was für abgehärtete Naturen. Jede Art von Segelsport, bis hin zum Kitesurfen, wird hier großgeschrieben. Beeindruckend auch die gewaltigen Bergmassive, die manchmal von mystischen Nebenschwaden umhüllt sind. Das Licht ist hier ein ganz besonderes – die Höhensonne ist intensiv und auf entsprechenden Lichtschutzfaktor sollte man nicht verzichten. Der Wettergott meint es sehr gut mit der Region und spendiert über 320 helle Tage  im Jahr. Daher ist auch die Sonne das patentierte Symbol von St. Moritz.

Märchenschloss Waldhaus

Die hohen Pforten des Waldhaus Sils, etwa 15 Minuten Fahrzeit von St. Moritz entfernt, geben schon den Ton für dieses Hotel an. „Haus“ ist dabei eine gewagte Untertreibung – wie ein Märchenschloss ragt es, schon aus der Ferne gut sichtbar, auf einem Hügel aus der üppigen Bewaldung. Aber Bescheidenheit ist hier Programm, wie ich feststellen werde. Es ist ehrwürdig, ja fast respekteinflößend. Der Charme vergangener Zeiten, die gewachsene Tradition einer Institution umfängt mich. Ich fühle mich an Thomas Manns „Zauberberg“ erinnert. Ein Grandhotel der alten Schule: 1908 gegründet, jetzt schon in der fünften Generation geführt, hat dieses Unikat schon viele berühmte Persönlichkeiten beherbergt. Albert Einstein hat hier möglicherweise über die allgemeine Relativitätstheorie gegrübelt, Hermann Hesse an neuen Romanprojekten getüftelt und David Bowie vielleicht an seinen psychedelischen Songtexten. Ein Blick auf das Schwarze Brett verrät die tiefe Verbundenheit und Liebe zur Kultur im Hause. Lesungen bekannter Autoren und Musikdarbietungen renommierter Künstler sind an der Tagesordnung. Gediegenheit und Understatement – diese beiden Eigenschaften charakterisieren das Anwesen wohl am besten. Urs Kienberger, einer der Eigentümer des Waldhaus Sils, verkörpert dies in überzeugender Weise. Er kommt nicht wie ein gewöhnlicher Hotelmanager daher, eher wie ein Philosoph der Hotellerie. Er spricht mit behutsamer Stimme, wirkt auf sympathische Weise nachdenklich. Im Keller fangen wir mit der Besichtigung an, dort ist das Museum des Hauses.Atemberaubendes Panorama über dem See

Allerlei Erinnerungsstücke sind hier versammelt, von der alten Telefonanlage mit Steckverbindung, über Nachttöpfe, bis hin zu Logierbüchern aus der Frühzeit. Diese belegen, dass St. Moritz ursprünglich schon ein Sommerurlaubsort war, die Wintersportler kamen erst viel später. Damals hat man hier gekurt, es gibt Heilquellen und die Luftqualität ist ja legendär. Der Blick hinter die Kulissen geht weiter: Die Küche ist hochmodern, ein Sternekoch verwöhnt mit seiner hochkarätigen Mannschaft die Gäste. Nach dem Essen können sich die Herren in das Fumoir mit Rauchzeug und Cognac zurückziehen, während die Damen den Melodien der Live-Kapelle oder des mechanischen Klaviers im Empire-Salon lauschen. Faszinierend – eine versunkene Epoche wird in diesem Hotel zelebriert, es ist wie aus der Zeit gefallen. Natürlich möchte ich im Aufzug zu den Zimmer-Etagen Geschichten über die berühmten Gäste hören, die hier ihr Haupt gebettet haben. Der erfahrene Hotelier kennt viele Geschichten. Doch er ist ein diskreter Mensch – auch das eines der Erfolgsrezepte des Waldhaus Sils. Hier kann jeder sein, wie er ist. Genauso, wie die Gästezimmer. Die sind alle individuell gestaltet. Manche Gäste kommen schon seit Jahrzehnten und können erwarten, dass „ihr“ Zimmer auch zur Verfügung steht. Es ist wie ein zweites Zuhause für manche. Und Urs Kienberger ein guter Freund, der sich rührend um sie kümmert und Wünsche wahr werden lässt.

Höhenwanderung und Dracula

Am nächsten Tag geht es mit der Seilbahn noch etwa 700 Meter höher. Endstation ist Muottas Muragl – ein in Stein gehauenes Romantikhotel. Auf dem Panoramaweg entlang den Abhängen des Gebirges um St. Moritz treffe ich auf einen Bergbauern, der hier Ziegen und Pferde hält. Kein Einheimischer, sondern ein Österreicher. Er erzählt von harten Leben hier oben, vom letzten Winter mit drei Meter Schnee – und dass er mit keinem tauschen würde. Die Schweizer Flagge schlägt im Wind. Über Stock und Stein bei strahlendem Sonnenschein, so soll es sein. Meine Wanderung macht durstig, ich kehre bei einem Hüttenrestaurant ein und genehmige mir ein kühles Erfrischungsgetränk auf Molkebasis, das mittlerweile auch in Deutschland Bekanntheit erreicht hat. Man sagt, ab 1.000 Meter sind alle per Du. Die Wanderer sagen freundlich „Grüezi“ bei der Begegnung auf den manchmal schmalen Wegen, die steil emporführen. Ein Murmeltier reckt keck den Kopf aus dem Bau. So gerne würde ich ein Edelweiß sehen. Und tatsächlich, ein lieber Wandersmann macht mich auf ein solches Exemplar aufmerksam. Ich muss aufpassen, denn diese raren Blumen stehen – als wenn sie von ihrer Besonderheit wüssten – gerne am Abgrund. Eine kleine Mahlzeit gönne ich mir im Alp Languard, Baguette mit Alpenkäse. Die Versorgung mit Lebensmitteln für die Gastronomiebetriebe hier oben, auf über 2.500 Meter Höhe, muss teilweise mit dem Helikopter bewältigt werden. Nach drei Stunden Marsch denke ich an den Abstieg. Der Sessellift ist nicht weit.

Die Füße baumeln in luftiger Höhe. Unten angekommen, ziehen mich starke Hände aus dem Sitz, damit ich sicher den Lift verlasse, denn die Maschine dreht sich immer weiter. Ein Blick zurück – wirklich imposantes Panorama! Und dann auf meine Arme: leichter Sonnenbrand. Hätte ich vielleicht doch Faktor 50 statt 30 nehmen sollen? Jetzt erst mal unter die Dusche, dann die Gedanken sortieren. Abends geht es in den Dracula-Club. Hier habe ich die Ehre, den unvergessenen Gunter Sachs mit seiner schwedischen Gattin kurz kennen zu lernen. Ich erinnere mich: Hünenhaft, mit schlohweißen Haaren, steht er im Bobdress an der Bar. Er hat diesen legendären Club um 1970 gegründet. Heute Abend findet hier der Auftritt von Cassandra Wilson statt. Das Konzert dieser Ausnahmesängerin stellt einen der Höhepunkte des diesjährigen Festival da Jazz dar, welches Christian Jott Jenny vor einigen Jahren auf die Beine gestellt hat. Die Überlegung war einfach und genial zugleich: Das Clubhaus wird eigentlich nur im Winter für die Bob-Saison genutzt. Jenny konnte Rolf Sachs, den Sohn von Gunter Sachs, für die Idee eines Sommerfestivals begeistern. Und damit können jetzt auch „Normalsterbliche“ einen der exklusivsten Clubs der Welt besuchen. Der holzgetäfelte Raum mit zwei Etagen füllt sich mit vielen Jazz-Enthusiasten. Es ist ein internationales Publikum – erwartungsvolles Tuscheln in verschiedenen Sprachen. Dann dominiert Cassandras soulige Stimme den Raum. Fast zwei Stunden singt die Jazz-Legende für die begeisterten Musikfans. Auch ich bin von ihrer Ausstrahlung und den heißen Rhythmen hingerissen. Auf der Rückfahrt summe ich noch leise vor mich hin. Der Fahrer schmunzelt.

Nationalpark und Ovaverva

In diesem Jahr feiert der Schweizerische Nationalpark sein hundertjähriges Bestehen. Hier kann sich, unter der Aufsicht von Wildhütern und Biologen, die einzigartige Flora und Fauna der Region ungehindert entwickeln. Im Besucherzentrum, das nicht weit von St. Moritz liegt, kann ich die Geschichte und Gegenwart dieses Naturprojekt sehr plastisch nachvollziehen. Bären sind sogar schon wieder eingewandert, Hirsche kann man bei der Brunft beobachten. Umweltschutz steht übrigens im ganzen Engadin hoch im Kurs – Beispiel dafür ist auch ein neues Wellness-Zentrum in St. Moritz. Die Leute hier hatten sich schon immer ein Hallenbad gewünscht. Und das haben sie in diesem Jahr auch bekommen: Das Ovaverva hat seine Pforten geöffnet. Sehr schicke Anlage – ökologisch ganz auf der Höhe der Zeit, mit Wärmerückgewinnung und Energieversorgung aus natürlicher Wasserkraft. Unten das großzügige Hallenbad – oben der Wellnessbereich. Edle Materialien und luxuriöses Ambiente kennzeichnen das Spa. Wer möchte, kann mit Badehose ins Dampfbad oder in den erquickenden Whirlpool. Allerdings an die wahren Freuden kommt man nur völlig unbekleidet – Biosauna, Salzraum und Relaxzone, letztere mit fabelhaftem Blick auf das Alpenpanorama. Da lasse ich doch gerne mal die Hüllen fallen.

Viele Gebirgsbäche versorgen St. MoritzSo richtig entspannt gehe ich noch nebenan zur Keltenquelle, der eine entschlackende Wirkung bescheinigt wird. Das Wasser aus der Tiefe schmeckt ganz lecker und ist vor allem sehr gesund. St. Moritz ist eben auch ein traditioneller Kurort. Ich freue mich, am Abend Max Schneider kennen zu lernen. Er hat La Baracca erfunden – eines der echten In-Lokale vor Ort. Es ist eine umgebaute Bauarbeiter-Baracke, wie der Name schon sagt. Hier treffen sich Einheimische und bekannte Persönlichkeiten ohne Berührungsängste – im Gegenteil: Nach dem köstlichen Schmaus, wobei Max den Kochlöffel schwingt, wird am Wochenende noch bis in den frühen Morgen gerockt und geschwoft. Bevor ich am nächsten Tag etwas wehmütig den Zug heimwärts besteige, schaue ich mir St. Moritz nochmal genau an, gehe durch die Ortsteile Bad und Dorf. Heute stehen Tische und Bänke in den Fußgängerzonen. Bald klingen hier die Gläser, bei Live-Musik und einheimischer Küche. Die Leute verstehen es hier zu leben. Und so ist St. Moritz im Sommer ein wahres Märchen. Daran werde ich noch lange denken. (rb)

 

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www.MySwitzerland.com

Telefon: 00800 100 200 30 (kostenfrei)

www.engadin.stmoritz.ch