Urlaubsstimmung pur in Sitges

Endlich Sommer – ich will ans Meer! Und zu den Boys! Kurz überlegt – und schon habe ich eine Idee: Ich muss nach Sitges… Bereits wenige Tage später beginnt mein Kurz-Aufenthalt in der spanischen Gay-Metropole.

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Erster Abend. Ankunft am Flughafen Barcelona. Nach der Gepäckabholung geht es gleich weiter zum Bahnhof. Ein schwules Pärchen aus England spricht mich an: „Auch unterwegs nach Sitges?“ Ich bestätige lächelnd, wir gehen gemeinsam zum Bahnsteig. Eine gute halbe Stunde später komme ich im Küstenort Sitges an. Wow, eine Mehrheit der Passagiere, die aussteigen, sind Gays! Das ist ja schon einmal ein gutes Zeichen…

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Der Bahnhof liegt sehr zentral. Ich brauche also kein Taxi und begebe mich zu Fuß in Richtung Stadtzentrum. Die kleinen Läden und Restaurants versetzen mich in gute Stimmung. Hier wird mir bestimmt nicht langweilig. Ein paar Minuten später bin ich bei meiner Unterkunft – dem Parrots Hotel – angekommen. Ich sehe Gay-Maps und Infomaterial an der Rezeption, sogar eine Gay-Sauna ist direkt im Haus. Mein Zimmer ist zwar nicht sonderlich groß, aber dafür schön und sauber. Der kleine Balkon gewährt mir einen netten Ausblick auf den katalonischen Küstenort. Noch dazu ist das Parrots relativ günstig. Die Hotelwahl war schon einmal richtig.

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Da ich schon im Flieger etwas gegessen habe, verzichte ich am ersten Tag auf das Abendessen. Beim Verlassen des Hotels stelle ich gleich fest: Zentraler könnte ich nicht untergebracht sein. Direkt an der Carrer de Joan Tarrida befinden sich unzählige Gay-Bars. Als ich zum Plaça Industria gelange, fühle ich mich beobachtet. An allen vier Ecken sind Bars mit einer Unzahl an Stühlen im Freien. Diese sind so positioniert, dass alle Gäste auf den Platz blicken und jeden einzelnen Passanten von Kopf bis Fuß begutachten können. Sozusagen eine Art schwuler Laufsteg. Ich spüre es wahrhaft, wie die Boys über mich reden, ob sie Gutes oder Schlechtes zu sagen haben, sei mal dahingestellt. Eines steht für mich fest: Wenn ich hier wieder vorbeilaufe, muss ich vorher sicherstellen, dass ich gut aussehe. Mann hält ja schließlich etwas auf sich.

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Die Restaurants und Bars an der Plaça Industria sind zwar voll, mein erster Besuch der Night-Locations gegen 23:00 Uhr ist aber ziemlich erfolglos. Dann fällt mir wieder ein, dass in Spanien das Nachtleben ja spät losgeht und vor Mitternacht in den Bars und Clubs kaum was los ist. Da ich ziemlich müde bin und einen langen Tag vor mir habe, gehe ich ins Bett.

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Das Frühstücksbuffet im Parrots ist einfach, aber immerhin kann man Eier bestellen und draußen im Hof die angenehme Morgentemperatur genießen. Ich komme gleich mit ein paar Hotel-Kollegen ins Gespräch. Nach dem Frühstück widme ich mich mal dem Sightseeing. Die gut erhaltene Altstadt, die engen Gässchen und die Strandpromenade mit der von überall sichtbaren Kirche gefallen mir. Nach ein paar Stunden Spaziergang wird es heiß. Zeit für ein leichtes Mittagessen. An der Strandpromenade – der Passeig de la Ribera – kann man nicht nur schön flanieren und gefälschte Sachen kaufen, sondern auch hervorragend essen, vor allem natürlich Frisches aus dem Meer. Ich stärke mich mit einer kühlen Gazpacho und einem leichten Fisch. Und wie es sich für Spanien gehört, mit einem Glas Sangria.

Gay Pride flags in the midday sun, Sitges, Spain.

Am Nachmittag ist Beach angesagt! Ich brauche nur die von Palmen gesäumte Promenade zu überqueren und schon bin ich am Platja de la Ribera angelangt. Strandtuch auf den Boden geworfen, in die Badehose reingeschlüpft und das Entspannen kann beginnen.

"Sitges, Spain - August 21, 2012: A shirtless man returning from the beach stops to talk to a man on a park bench."

In der Nacht bin ich so richtig heiß auf Nightlife. Als ich gegen Mitternacht mein Hotel verlasse, ist die Carrer de Joan Tarrida gestopft voll. Überall stehen die Leute draußen an den Bars und machen ein Durchkommen fast unmöglich. So kann ich die Typen begutachten, mit ihnen ins Gespräch kommen und einfach da stehenbleiben, wo ich gerade Lust habe. Die Straße mündet in die Carrer del Bonaire, die zweite Main-Gay-Street der Stadt. Und so komme ich in dieser Nacht über diese zwei Straßen nicht hinaus. Aber wirklich praktisch, dass alles so nahe beieinander liegt. In der XXL-Bar genieße ich meine ersten Drinks und muss feststellen, dass es dort nicht nur unten bei der Bar und der Tanzfläche, sondern vor allem auch oben rund um den sehr engen Darkroom ziemlich voll ist. In der Carrer del Bonaire suche ich dann noch die cruisy Dark Sitges Bar und die Union Bar auf.

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Am nächsten Tag steht Gay-Strand auf dem Programm. Ich habe vom Playa del Muerto, einem Gay-FKK Strand, der sich etwa drei Kilometer westlich des Stadtzentrums befinden soll, gehört. Da ich mich etwas bewegen will, entscheide ich mich, dort zu Fuß hinzuspazieren. Der Spaziergang beginnt an der mehr als zwei Kilometer langen Strandpromenade, die mich schon am Morgen mit Sonnenschein und einem schönem Blick auf den Strand und die prächtigen Gebäude verwöhnt. Nach einer guten halben Stunde geht es vorbei am Hotel Terramar und einer Flussmündung mit Enten und Schwänen. Danach erblicke ich eine coole Strandlocation (eignet sich zum Cocktailschlürfen am Abend) und komme zum ehemaligen Club Atlantida. Das riesige Gebäude mit dem geräumigen Parkplatz wirkt heruntergekommen und ein bisschen unheimlich. Aber ich weiß, dass ich hier richtig bin…

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Gleich nach dem Parkplatz beginnt eine wunderschöne Naturlandschaft mit viel Grün, kleinen Hügeln und einer tollen Aussicht auf das tiefblaue Meer. Das Wasser hier ist um vieles schöner als an den Stadtstränden von Sitges. Ich sehe vereinzelt ein paar Männer herumspazieren, bin mir aber nicht ganz sicher, wo ich am besten weiterlaufen soll. Daher frage ich einen Typen, der mir entgegenkommt. Im sympathischen französischen Akzent erklärt er mir, dass es schon noch ein Stück weit ist. Ich solle nochmal den Hügel runtergehen, vorbei an einer Bucht und dann den Gleisen entlang, bis ich zur Gay-Flagge komme. An den Gleisen, das klingt ja abenteuerlich… Und tatsächlich geht es über einen engen Weg direkt neben den Gleisen zum Gay-Beach. Wenn die Züge mit über 100 km/h hier vorbeisausen, dann macht das schon ein bisschen Angst. Aber es lohnt sich.

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Endlich. Eine Gay-Flagge und ein liebevoll gestaltetes Schild mit der Aufschrift „The first gay beach in the world since 1930“ begrüßen mich. Dann noch die bunten Buchstaben GAY PARADISE an einem Felsen hinter den Gleisen und kleine Regenbogenfähnchen sowie bunte Flaschen auf einem Strauch, die mir mitteilen: Da muss ich hinunter… Hier bin ich also – an einer wunderschönen kleinen, den Schwulen vorbehaltenen Bucht mit kleinen Kieselsteinen. Typen allen Alters – teils im Speedo, aber größtenteils nackt – machen es sich hier auf dem Boden bzw. auf den Liegestühlen gemütlich. Der gut trainierte Beach Boy bietet mir einen Liegestuhl um 10 Euro an, da kann ich nicht Nein sagen. Schnell die Kleidung vom Leib gerissen und ein Tag im Zeichen von Sonne, Bekanntschaften und Nacktbaden kann beginnen. Und das in dieser wunderschönen Bucht mit dem tiefblauen Wasser. Gut, dass ich hier hergekommen bin.

© Digoarpi

© Digoarpi

Die cruisy Atmosphäre ist am Playa del Muerto deutlich zu spüren. Aber noch eine Spur heißer wird es nach Überquerung der Bahngleise. Denn gleich hinter dem Strand beginnt ein riesiger Wald mit versteckten und weniger versteckten Orten, die viel Platz für Action bieten. Natürlich muss auch ich mich kurz dorthin „verirren“…

© JackF

© JackF

Am frühen Abend gehe ich wieder zurück bis zum ehemaligen Club Atlantida. Immer wieder sehe ich herumspazierende Typen, die für den spontanen Fun mitten in der Natur bereit sind. Action im Freien, gleich neben den Bahngleisen, da muss ich irgendwie an Pornos denken… Da ich ziemlich k.o. bin, rufe ich ein Taxi und bin wenige Minuten später wieder im Parrots. Jetzt ist erstmals Entspannen angesagt.

© Boris Buschardt

© Boris Buschardt

Da heute Freitag ist, möchte ich die Nacht voll und ganz auskosten. Sie beginnt in La Villa bei Mojito & mehr, weiter geht’s in der Queenz Bar, wo ich mir eine Drag-Show ansehe, und endet dann im Organic-Club, dem wohl einzig richtigen Club von Sitges, der in den Sommermonaten täglich geöffnet ist. Hier feiere ich bis in die Morgenstunden. Ich fühle mich in den kleinen Bars und Clubs von Sitges wirklich wohl, wobei auch betont werden muss, dass man Riesen-Partys und Clubs in Sitges vergebens sucht; dazu eignet sich das naheliegende Barcelona besser. Familiäre Gay-Bars gibt es jedoch in Hülle und Fülle.

© Sam Camp

© Sam Camp

Ein neuer Tag bricht an. Und – Surprise – auch heute geht es wieder an den Strand. Ich möchte einen weiteren Gay-Strand von Sitges entdecken. Dieses Mal spaziere ich in die andere Richtung, also Richtung Osten. An der Bucht der Platja de Sant Sebastia schaffe ich es aufgrund der vielen Restaurants mit herrlichem Ausblick nicht, nicht einen kurzen Halt für ein kleines Essen einzulegen. Und so spaziere ich danach gestärkt weiter, bis ich am Balmins-Strand ankomme. Obwohl hier auch einige Frauen zu sehen sind, so haben hier dennoch die Gays das Sagen. Nackt oder angezogen, das spielt keine Rolle. Im Gegensatz zum Playa del Muerto geht es hier aber viel mehr darum, gesehen zu werden. Die Typen möchten hier vor allem ihre neueste Badehose oder ihr (großes) Teil zwischen den Beinen präsentieren. Auch wenn es hier viel zum Schauen gibt, so fühle ich mich beim Playa del Muerto mit der lockeren Atmosphäre und der wunderschönen Natur eine Spur wohler.

© Ricard Sánchez Gadea

© Ricard Sánchez Gadea

Die letzte Nacht in Sitges bricht an. Für diese habe ich mir ein paar XXX-Locations vorgenommen, denn immerhin ist Sitges auch als Cruising-Hotspot bekannt. Und ich werde nicht enttäuscht, sowohl in der Bukkake-Bar – das Lokal ist nicht so schlimm wie der Name vermuten lässt – als auch im Bunker-Sex-Club – dieser öffnet erst zu später Stunde – komme ich auf meine Kosten. Dann ziehe ich noch ein paar Straßen weiter zum „Zona X“, das ich zu meinem persönlichen Cruising-Highlight von Sitges küre.

©  Sam Camp

© Sam Camp

Mein letzter Tag in Sitges ist angebrochen. Um die Stimmung von Sitges nochmal so richtig einzuatmen, spaziere ich ein letztes Mal durch den Ort und mache in einigen Shops Halt. Der Ort versteht es, mit den vielen Gay-Kunden Geld zu machen und so enttäuschen mich auch die Läden der Stadt nicht. Noch einmal frischen Fisch an der Promenade gegessen, ein bisschen Strand, Boys schauen und flirten und ich kann mit wenig Schlaf, aber vielen Abenteuern und den Erinnerungen an den wunderschönen Strand im Gepäck meine Heimreise antreten. Bis bald, Sitges! (ms)