Westkorsika – verwegene Schönheit

Die Insel Korsika liegt nur einen Katzensprung von der französischen Südküste entfernt. In einer halben Stunde kann man von Nizza nach Ajaccio im Westen Korsikas fliegen. Atemberaubende Landschaften, schmackhafte Gerichte und charaktervolle Menschen kennzeichnen diese verwegene Schönheit im Mittelmeer. Zu jeder Jahreszeit lohnt sich der Besuch: Im Sommer locken Badefreuden, im Herbst wird herrlich gewandert und im Winter kann man sogar Skilaufen. Französische Genusskultur und italienische Lebenskunst sind hier in Harmonie vereint.Der ideale Ausblick

Leicht fröstelnd besteige ich den Flieger in Düsseldorf – die kühlen Monate kündigen sich an. Kann man das glauben – noch Sommer im Oktober? Das jedenfalls wurde mir angekündigt. Und als ich die Gangway auf dem Flugplatz in Ajaccio herabsteige, merke ich deutlich den Temperatur-Unterschied. Hier ist noch alles auf Sonne eingestellt. Schnell entledige ich mich meines Pullovers und genieße die warme Atmosphäre. Ich möchte die Stadt kennenlernen, in der Napoleon Bonaparte seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Ajaccio liegt im Westen der Insel und ist deren Hauptstadt. Korsika gehört zu Frankreich, hat aber viele Einflüsse vom italienischen Nachbarn.Ajaccio steht ganz im Zeichen NapoleonsDas merkt man auch bei den Namen der Bewohner: Der Vorname ist oft französisch, während der Nachname eher italienisch klingt. Die Korsen haben den Ruf, herzlich und etwas eigenwillig zu sein – Inselbewohner eben. Dafür ist Napoleon, der bedeutendste Sohn von Ajaccio, sicher ein leuchtendes Beispiel. Omnipräsent in jeder Ecke der pittoresken Mini-Metropole, würdevoll präsentiert im örtlichen Napoleon-Museum, lebt der Machtmensch auf Korsika weiter. In den historischen Gassen von Ajaccio schwebt der mediterrane Duft von Meer und Leichtigkeit.Calanche, Welterbe UNESCO

In einem hübschen Bistro lasse ich mich mit dem sonnengetränkten Wein der Insel und süßen Knabbereien verwöhnen. Kuchen und Gebäck werden hier oft mit Honig und Karamellsirup geschmacklich verfeinert. Die runden und vollmundigen Weine Korsikas versetzen einen gleich in Urlaubsstimmung. Obwohl der Westen Korsikas eher von Steilküsten geprägt ist, findet der Badeurlauber auch schöne Sandstrände und gemütliche Buchten, die besonders im Herbst viel Platz zur Entfaltung bieten. Ein echter Geheimtipp für Off-Season-Sonnenanbeter.

Imbiss mit Wein

Korsische Köstlichkeiten

Die Korsen haben es gut: Das Beste aus Frankreich und Italien kommt hier auf den Tisch, dazu Spezialitäten der einheimischen Küche. In der Macchia, dem Buschwald der Insel, wachsen viele Kräuter, die fester Bestandteil korsischer Gerichte sind. Thymian, Rosmarin und Wacholder finden vielfältige Verwendung bei Fleisch- und Fischgerichten. Sowohl Liebhaber der rustikalen Leckerbissen als auch Anhänger der Haute Cuisine kommen auf ihre Kosten. Deftig ist beispielsweise die Fischsuppe mit Namen Aziminu, die mit krossem Bergbauernbrot und Knoblauch gereicht wird.

Blick ins Tal

Wildschweine bevölkern weite Teile der Insel. Als Wanderer sollte man die gebotene Vorsicht bei der Begegnung mit diesem temperamentvollen Borstenvieh walten lassen. Sie ernähren sich gerne von Kastanien – einer typischen Beilage auch für die Einheimischen. Auf dem Teller allerdings entfaltet der tierische Waldbewohner dann kulinarische Höhepunkte. Als Braten oder auf dem Grill geschmort, kommt der angenehme Kastaniengeschmack als besondere Fleischnote zur Geltung. Daneben mögen die Korsen auch Lamm. Dieses verarbeiten sie oft zu einem Eintopf, der Stufatu heißt. Darin finden sich auch Nudeln und viele Zwiebeln.

Die Calanche ist atemberaubend

Geschmacklich abgerundet wird das Ganze mit Schafs- oder Ziegenkäse. Mit Frischkäse machen die Korsen besonders leckere Desserts. Sie mahlen Mehl aus den Kastanien, das dann für süße Backwaren Verwendung findet. Dazu trinken die Inselbewohner gerne einen ihrer gehaltvollen, aber leichten Rot- und Weißweine, die gut bekömmlich sind. Zur Verdauung trinkt man vorzugweise den typischen Likör Cédratine, der aus den Früchten des gleichnamigen Baums gewonnen wird. Wer härtere Sachen bevorzugt, der greife zum Myrte-Schnaps. Ich treffe mich mit Nicolas Stromboni, der sich mit geistigen Getränken gut auskennt. Er ist Weinbotschafter und gibt mir ein paar Tipps. Die Gegend im Westen um Ajaccio ist bekannt für die Rebsorte Sciaccarellu. Der Wein hier hat eine besonders hohe Qualität und führt das Qualitätssiegel AOC. Es ist eines der höchstgelegenen Weinbaugebiete der Insel. Sogar auf dem französischen Festland schwören Kenner auf die Güte dieses Rebensaftes. Auch bei uns findet man in ausgewählten Fachgeschäften Wein aus dieser Region.

Wohnviertel in Ajaccio

Cargèse und Eiskreationen

Im Bel‘ Mare, einem knuffigen Hotel direkt am Meer in Cargèse, das eine Stunde von Ajaccio entfernt liegt, erlebe ich einen wundervollen Sonnenuntergang. Das typisch französische Frühstück mit Croissant und Brioche lasse ich mir am nächsten Morgen auf der Terrasse servieren. Die Wellen schlagen regelmäßig an die Felsen. Auf geht es danach in das Dorf Sari d’Orcino. Hier steht eine orthodoxe Kirche, und ich werde Zeuge einer musikalischen Live-Darbietung. Drei Männer des Ortes haben sich zusammengefunden und bringen traditionelle Kirchengesänge zu Gehör. Ein echtes Erlebnis. Hoch und runter geht es bei der Erkundung des Bergdorfes. Die bunte Blumenpracht blüht hier wie im Hochsommer.

Prost, Napoleon!

Düfte von wilden Gewürzen umwehen meine Nase, der Anblick urwüchsiger Kakteen wirkt wie verwunschen. Die andere Kirche im Ort begeistert mich in visueller Hinsicht. Ein unglaublicher Effekt: Die Madonna am Seitenschiff leuchtet im farbigen Licht des gegenüberliegenden Kirchenfensters – wie durch einen Spot angestrahlt. Gefühle von Erhabenheit nehmen von mir Besitz. Dann geht an den Strand. Hier haben Bekannte zu einem kleinen Grillfest gebeten. Direkt an den Wogen wird Thunfisch herzhaft zubereitet, dazu gibt es ein Schlückchen Perlwein der Region. Wir sitzen an langen Tischen, lassen es uns schmecken und klönen über das schöne Wetter und die angenehme Zeit, die wir zusammen verbringen können.

Träumen am Meer

Nach dem Kurzgebratenen folgt noch eine leckere Nudelspeise mit Garnelen und einer vorzüglichen Knoblauch-Sauce. Wem der Magen nicht zu voll ist, der kühlt sich jetzt noch kurz im Meer ab. Die Sonne strahlt vom tiefblauen Himmel. Zeit für eine Nachspeise. Dazu fahren wir zu Pierre Geronimi – er ist der ungekrönte König der Eiskreationen auf der Insel. Der wahre Eis-Künstler, der auch Gourmet-Filialen in Paris, Lyon und Grenoble betreibt, lädt zu einer Verköstigung der besonderen Art ein: Seinem Erfindungsreichtum in Sachen kalter Leckereien sind schier keine Grenzen gesetzt. Er kredenzt uns zuerst ein Karamell-Eis, verfeinert mit salzigem Buttergeschmack. Dann folgt eine süße Versuchung mit dunkler Schokolade. Für den anspruchsvollen Gaumen hat Pierre noch seine Gemüse-Sorbets im Angebot, darunter Orange-Karotte, Sorbet mit angebratenen Zwiebeln und als Krönung das unvergessliche Yoghurt-Senfeis mit frischen Kräutern. Wahrlich ein Genuss für Liebhaber der außergewöhnlichen Dessert-Küche!

Hier bettete Napoleon sein königliches Haupt

Calanche und Festlichkeit

Für Wanderer ist das felsige Gebiet der Calanche besonders interessant. Ich mache mich am nächsten Tag auf den kurvigen Weg zu diesem einzigartigen Naturspektakel, das auch schon international als UNESCO-Welterbe Würdigung gefunden hat. Eigentümliche Felsformationen und Granit-Brocken von rötlicher Farbe haben schon Künstler vergangener Epochen zu Hymnen auf diese bizarre Landschaft veranlasst. Aus den seltsam verwitterten Stein-Ungetümen kann man, mit etwas Fantasie, geläufige Figuren erkennen: den Hundekopf, den Indianer, die Schildkröte und sogar das Profil des französischen Politikers Poincaré. Der Kontrast zum blauen Himmel ist eine wundervolle Erfahrung. Abends geht es zum Fest in das noble Hotel Les Roches Rouges. Hier trifft sich die lokale Prominenz zu kulinarischen Freuden. Am Buffet kann ich nochmal korsische Gastronomie erleben und beim malerischen Sonnenuntergang kräftigen Männerstimmen lauschen, wie sie von Sehnsucht, Liebe und Erfüllung singen. Diese Gefühle hege ich jetzt auch für Korsika, diese Insel mit verwegener Anmut. (rb)

 

Mehr Infos unter:

http://www.visit-corsica.com/de